01 Peking

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Tag 0

„Chicken and Beef or Beef?“. „Do you have a vegetarian Option?… no beef?“ die Stewardessen tauschen bei dieser Frage verwirrte Blicke aus. „No beef“ zu finden wird für David in China wohl eher eine Herausforderung werden. Naja, zurück zum Film, Mao und die Rote Armee müssen die faschistischen Japaner noch vom Xinjang Fluss zurückdrängen. Der große Vorsitzende reitet Sattellos mit wehendem Haar seinen Genossen voraus. Seine Medizin gibt er bereitwillig einem Kameraden, die brauchen sie dringender als er. Umsteigen in Guangzhou. Ein Willkommens-Kommando aus drei Personen begleitet uns durch sämtliche Check-in und -out Prozesse. Jedes Dokument wird uns prompt aus der Hand genommen, es wird penibel darauf geachtet uns den nächsten Schritt zu gestikulieren, Englisch spricht nur der Anführer des Trüppchens; den Anschluss zu verpassen ist keine Option.

„By by“, „ Xièxi“ und wir betreten den Seestern von Beijing Daixin; Kelchstützen erinnern an schwäbische Ingenieurskunst. Entlanglaufen an Louis Vuitton Reklame vor chinesischen Landschaften und Werbeplakaten auf dem ein gedankenverlorener Charlie Puth vor einem Flügel sitzt, um… Oliven Öl zu vermarkten. Die sterilen Flächen und plastischen Läden beißen sich mit der feuchten Luft die mehr an ein Tropenhaus heimischer Zoos erinnert. Schrille Lichtreklamen vor müden Augenläden. Der Airport-Express war schweine Teuer, umgerechnet 4€. Er wird uns mit 160kmh durch verregnete renaturierte Ebenen tragen, menschenleere Straßen auf dessen glatten Oberflächen sich die Leuchten unzähliger Autoschranken der Polizei-Checkpoints spiegeln. Wer fährt hier durch? Elektrische Autos fremder Hersteller jagen über eine Autobahn die sich auf Stelzen über die Szenerie erhebt; wir tauchen unter ihr ab, verlassen eine surreale Kulturlandschaft die sich wie ein Gehege um die Hauptstadt legt.

In der U-Bahn laufen auf den Bildschirmen über den Sitzen kurze Animationsfilme für Kinder. Sie zeigen einen Jungen und ein Mädchen in marineblauer Uniform, die sich vorbildlich verhalten: In einer Szene melden sie einen blondierten Jungen bei der Polizei, der heimlich Tabletten seiner Eltern gestohlen und in einer Gasse an andere Kinder verkaufen wollte. Für ihr vorbildliches Verhalten werden die beiden belohnt – der Junge hingegen wird verhaftet.

In jeder U-Bahn befindet sich zudem eine uniformierte Aufsichtsperson mit roter Armbinde, die offenbar für Ordnung sorgt.

Nach den Metalldetektoren zwei regungslose Madame Tussauds Wachsfiguren hinter rotem Absperrband könnten wohl Menschen sein…ein Blinzeln.

Als wir die Station verließen, fiel uns sofort eines auf: der Geruch. Straßenfluten zur unseren ersten Herberge. Am richtigen Standpunkt finden wir unter einem anderen Namen, die falsche Rezeption. Der feuchte Dunst des Monsuns riecht hier nicht nach dem vertrauten, erdigen Petrichor – sondern eher süß säuerlich in Richtung eines chlorierten Apfels bei McDonalds, die Lobby wie Fischfutter. Raus, wieder Rein, einfach an der Torhüterin vorbei; der Aufzug verrät: das Endziel befindet sich im 5en Stock. „Nǐ hǎo“ … das Endgerät des Gegenübers geht seiner übersetzungs Tätigkeit nach: „You can’t have a room together. You live separate.“ . Keine Zeit für Rückfragen, Rafa pennt wohl mit 2 einheimischen; gemütlich. Der ganze Stock mieft nach Keller, Verpackungen der hiesigen Lieferdienste überhäufen den Mülleimer. Unsere Behausung, nette Kammer in 1A Lage, Deckenhöhe 2m, Fenster erlaubt Blick auf etwa 15 x 6 behauster Schuhkartons in vertikaler Stapelung, aber keine Lüftung für Toni und David.

Am Nachmittag stapften wir durch den Regen, um die Wohnblocks in unserer Umgebung zu erkunden. Die Welt war in einen milchigen Schleier aus Feuchtigkeit getaucht, jeder Schritt ein Platschen auf dem gesättigten Asphalt.

Der Gegner der späten Stunde: Jetlag. Ein Ausflug zu einem der Hutongs sollte uns wach halten. Nach 2 Sicherheitskontrollen schafften wir gerade mal einige hundert Meter bis wir in einem Restaurant dem Regen entflohen. Zurück im Hostel: Letzter Gang ins Bad, Hygiene neben Raucher auf Hock-Toilette; Vorhang zuziehen, Licht aus, bis morgen. Die durchnässten Schuhe schlafen im Gang.


Tag 1

„Die Handwerker erbauen die Hauptstadt als Quadrat mit einer Seitenlänge von neun Li mit drei Toren an jeder Säte und neun vertikalen und neun horizontalen Straßen, von denen jede neun Wagenspuren breit ist. Der Palast des Königs in der Mitte mit dem Ahnentempel auf der linken und dem Altar für die Götter des Bodens und des Getreides auf der rechten Seite; vor dem Palast liegt der Ho, hinter dem Palast der Markt." (Kao Gong Ji, 5. Jhd)

Die exakt geometrische Anlage der Kaiserstadt ist ein Streben des Menschen nach Harmonie zwischen Himmel und Erde. Die Stadt war ein Abbild in traditioneller Vorstellung quadratischen Universums. Mit dem Palast im Zentrum der Stadt verwies sie auf das Mandat des Himmels für die Dynastien. Die neun als größte einstellige Zahl finden wir auch in den neun Reihen der neun Nägel an jedem der Tore der verbotenen Stadt.

Die Farben der Verbotenen Stadt wirken besonders intensiv im Kontrast zu den grauen Gebäuden der Umgebung und dem weißen Marmor der Terrassen, Treppen und Geländer. Laut Ming-Gesetz durfte Gelb ausschließlich für kaiserliche Paläste, Gräber und Tempel verwendet werden. Eine Ausnahme ist die kaiserliche Bibliothek: Sie hat ein schwarzes Dach, da Schwarz mit Wasser assoziiert wurde – zum Schutz der wertvollen Bücher. Die Haupt-Audienzhallen, Zeremonialhallen sind alle etwas erhöht gebaut, nur zugänglich über detailverliebt geformte Treppen und einem letzten hohen Schritt über eine Bronze Stufe.

Entzückt haben uns die mythischen Dachreiter die auf jedem Dachfirst thronen. Je nach Dach 5 (Bürger), 7 (Mandarin), 9 (Prinzen) oder 11 (Kaiser); symbolische Figuren die darauf achtgeben, dass uns die Decke nicht auf den Kopf fällt. Xian ren „der unsterbliche“ reitet auf seinen Huhn den Gefährten voraus, es folgen Löwe, Drache, Phönix, Seepferd u.s.w.u.s.f.. Die eine Konstante in der chinesischen Kulturgeschichte scheint zu sein, dass man Wege und Mittel finden muss seine Untergeben zu beschäftigen: Eunuchen deuten den kaiserlichen Stuhlgang, Sicherheitsbeamte führen ritualische Balztänze mit obsoltenen Metalldetektoren vor; Gelehrte begründen das Himmelsmandat durch Kommentare zu kanonischen Fußnoten, Rumlungerer geadelt durch Westen offiziellen Aufdrucks ordnen Residuen ehemals freier Bewegung der Civilisten; Rickschafahrer Quing-zeitlicher Gassen finden ihre Metamorphose in Wahnsinnigen auf Elektrorollern die Erzeugnisse unzähliger „Branches“ zu kurzsichtigen Konsumenten digitaler Diarrhoe befördern. Jenseits der Rezeptivität mag doch der Spontanität noch erhalten sein!

Hutongs sind „Quellen“ eines anderen Blaus…

Nach der Aussicht vom Hebei-Park noch kurz ein paar Klischees aus der Welt räumen: Rotzen, Rülpser und Flatulenzen sind in öffentlichen Räumen gestattet, defäkieren in der Kniebeuge ist eine Wohltat und Trennwende in sanitären Einrichtungen halten enthusiastische Beobachter keinesfalls auf.

Dann die nächste Mission: Tian’anmen. Einfacher Plan: Buslinie 5, ein paar Meter laufen, und schwupp sind wir da. Dachten wir. Nur noch hundert Meter trennen uns vom Platz, dann der erste Uniformierte mit ernstem Blick. Er weist uns freundlich, aber bestimmt an, doch bitte auf die andere Straßenseite zu wechseln. Neue Route. Neue Hoffnung.

Wir kommen an der Oper vorbei – ein schöner Zufall – und sichern uns direkt Tickets für eine Peking-Oper am nächsten Tag. Mitglieder erhalten 98 % Rabatt.

Wieder draußen, machen wir uns auf den Weg zur Straße, wo schon der nächste Beamte lauert. Sein Hinweis: bitte Linie 1 nehmen und auf die andere Seite des Platzes fahren. Es folgen die ersten Level des Spiels: Metalldetektor, Bahnfahrt, Passkontrolle, Treppen rauf – und da war er schon, der nächste Hinweisgeber. Dieses Mal lautet die Aufgabe: eine Station weiterfahren und in Linie 8 umsteigen, um den Platz von Süden aus zu erreichen.

Also: Metalldetektor, Passkontrolle, Bahn, ankommen, wieder rauf, wieder runter, wieder rauf. Noch eine Passkontrolle. Und da, aber leider nur in Sichtweite.

Vor uns ein Zaun. Ein langer, nicht enden wollender ausrollbarer Zaun. Also: einen Kilometer daran entlanglaufen, irgendwann eine Lücke finden, über die Straße – und einen weiteren Kilometer zurücklaufen. Obligatorischer Metalldetektor, die nächste Passkontrolle.

Dann noch 500 Meter geradeaus, wieder über die Straße, und: Wir sind da. Drei Studenten am Tian’anmen. Sitzen auf dem Platz und erzählten sich was, da kam die vierte Chinesin und will ein Foto machen, drei Studenten am Tian’anmen.

Kafka trifft Orwell.

Die Peking Ente. Die braune Perle der Ming-Dynastie, sagenumwoben, das Aushängeschild der pekinger Fauna. Ein kulinarischer Müßiggänger der als einziger seiner Spezies die Eigenart hat sich nach 65 Tagen in einen übertemperierten Spa zu begeben, wonach er sich unnatürlich stark aufbläst, nur um sich danach heroisch in einem Holzofen zu erhängen. Serviert und tranchiert von einem Meister seines Fachs tritt diese Königin unter den Enten nun vor uns… und wir kosten… eine mieser, dreckiger, widerlicher, Scheissdreck von Pestilenz perforiert unsere perplexen Papillen!!! Keine spur von dem erwarten Knusper-Beben, sonder eine scheußliche Eruption ekelhaftesten Entenfetts. Wir verfluchen die Götter der Shang und der Zhou und wer sie hervorgebracht hat. Etwas bricht in uns, etwas unschuldiges wurde geschändet und es ist unwiederbringlich verloren… Schande auf jeden der dieses Lokal als das auswies, was es nicht halten sollte. „A man can die but once.“ (Henry IV).

Und dann… Nein, nehmt mich! Ihn nicht! Er ist doch eine unschuldige Seele auf Erden! Diese Unmenschen haben es doch tatsächlich vollbracht, diesem 10 mal nachfragenden Armen, Guten, ein Tier unterzuschieben. Lustlose Garnelen noch dazu! Und drapiert ist der Reis! Mit Stärke Klümpchen die, ach was, natürlich nie die Gesellschaft eines Schweinchens genossen.

Der Tag endet. Mit Zweifel an allem und Wut auf fast alles.


Tag 2

„ze-Bao, ze-bao, ze-bao, ze-bao“ – so die begrüßenden Ausrufe einer fabelhaften alten Dame rosinenartiger Ausgestaltung, die in unserer noch unausgeleuchteten Mall vor dem Schaufenster eines hiesigen Tech-Giganten handgearbeitet Dumplings verkauft. 2 Stück und ein Eiskaffee, für eins fünfzig, und hinlungern neben ein Altchen, das vom Kleidungsstil her zu urteilen entweder Modedesignerin ist oder seit 20 Jahren zum Hungerlohn ihre Rente aufbessert, deren Eintrittsalter für sie bis vor kurzem noch bei 50 Jahren lag. Feuchte Träume sozialistischer Prägung.

Jetzt mit weniger pochenden Schläfen, unter der Stadt hindurch hin zur letzten Ruhestätte unseres großen Vorsitzenden. Aufgebahrte Audienz erhalten. Morgenmassen werden wieder von endlosen Zäunen eingepfercht, von hunderten Hampelmännern in blauen, grünen oder schwarzen Uniformen, mit oder ohne roter Schärpe, gen ehemaligem Versammlungsort getrieben. Auf dem Weg etliche Schifflokale ersuchen, hocken oder stehen, bis eingesehen ist, dass selbst der große Balsamierte diesen langen Marsch nicht wert ist. Also: Gang nach Canossa zurück, vorüber an Anstehenden mit Transformers-artigen Sonnenschutz-Burkas und T-Shirts mit Aufdrucken wie „Mao-extreme“, „Humble – Bild einer Avocado – together is our favorite place“ oder „Nothing is got without pain except POVERATY“. Es wird auch Camus heraufbeschworen: Freedom is nothing but a chance to be better.

Das chinesische Nationalmuseum ist das größte Museumsgebäude der Welt. Entworfen im Stile des sozialistischen Klassizismus, erweitert von hamburgischen Architekten.

Doch vor dem Eintritt ins letzte Tor vor der Halle detektieren die argusäugigen Wächter doch noch eine unvorhergesehene Anomalie. Im Inneren von Tonis Umhängetasche schlummert die Büxe der Pandora. Die riesige Powerbank überschreitet die maximal zugelassene mAh-Zahl um ganze 10.000. Von allen Seiten strömen die weißen Roben herbei, händeringend wird versucht, mir den Ernst der Lage zu erklären, bis mir schließlich ein Orakel vorgehalten wird, welches die Botschaft übersetzen soll:

„Will you come back after the marriage?“

Welch wundersame Kanjis wohl diese Fehlleistung hervorgebracht haben? Nach herzlichem Gelächter lautet die Rückfrage, ob ich die Büxe noch zurückbekomme, und schnurstracks führt mich ein Wächter an all den unüberwindbaren Zäunen vorbei in eine für diese Zwecke eigens konzipierte Kammer. Dort erhalte ich ein Amulett, durch welches mir der Rückgewinn meines geliebten Problemkinds gesichert sein wird.

Nun im Museum. Neben rituellen Bronzekesseln und Orakeln in Form von Schildkrötenpanzern der antiken Shang finden eine Kamelreiter-Plastik der Seidenstraße sowie ein Genre-Gemälde einer tang-zeitlichen Stadtszene ihren Platz. Emaille auf bronzenen Ming-Vasen formt abstrakte Drachenköpfe. Allerhand feinstes Handwerk in Jade, Lapislazuli oder Elfenbein. Eine detaillierte Darstellung von Mann-Frau-Pärchen in traditionellen Kleidern und Haarstilen sowie charakteristischen Gesichtszügen und Tribut-Gegenständen stellt die ethnische Vielfalt des Reichs dar. Sie verkörpern das Qing-Ideal einer zentralisierten Herrschaft nach lokalen Bräuchen, welche die Integration der „Grenzbevölkerungen“ in das Einheitsreich ermöglichen soll: „die große Unifizierung“.

In der Sonderstellung „Artefakte der revolutionären Ära” wird anlässlich des achtzigjährigen Jubiläums des Siegs über die Aggressoren des Zweiten Weltkriegs die erste Flagge der KPCh ausgestellt, die ’49 zum Sieg über die Kuomintang gehisst wurde. An 30 m hohen Wänden der Halle prangen Gemälde der renommiertesten Künstler der Zeit – ausgebildet in Moskau und Leningrad –, die den Siegeszug Maos und die Glorie der Roten Armee in Abfolge der historischen Ereignisse abbilden. Lächelnde Genossen bei einer Versammlung vor Heidi-Bergen, die dem Stile nach auch einer Schweizer Postkarte hätten entnommen werden können; unendliche Menschenketten mit breitem Grinsen den Kamm eines eisigen Berges hoch; Turner’esker Sonnenuntergang, dem der bescheidene Vorsitzende gesprächsverloren mit einem Bauern entgegenläuft; ein wandernder Mao über dem Wolkenmeer, vor Ming-zeitlichen Bergen; kompositorisch die Überquerung des Delaware – nur wird jetzt mit chinesischer Besatzung der lössboden-gelbe Xinjiang überwunden.

Vor dem Besuch der Pekingoper haben wir David noch ein vegetarisches Essen versprochen. Dafür verlassen wir die elendigen Hauptstraßen, begeben uns in charmant zerlebte Seitengassen, um nach längerer Detektivarbeit unsere Ziellokande im Hinterzimmer eines räudigen Nagelstudios zu finden. Was für eine Oase stilvoller Innenarchitektur uns dort offenbart wird, ist einfach entzückend. Japanische Machart. Freundliche, posche Kundschaft, viel Ruhe und hübsches, gesundes Essen erzielen den erhofften Effekt.

Das Nationale Zentrum für Darstellende Künste befindet sich westlich des Tian’anmen-Platzes und der Großen Halle des Volkes. Der Zugang erfolgt zur Abwechslung einfach über die Metrostation. Paul Andrieu hat mit dieser ellipsenförmigen Reminiszenz auf das Yin-und-Yang-Motiv Architekturfreunden ein Geschenk gemacht. Über den künstlichen See, der die 30.000 m² umringt, erheben sich 18.000 Titanplatten und 1.200 ultra-weiße Glasscheiben wie ein zartes Mosaik. Nur vier Titanplatten haben dieselbe Form. Die weltgrößte Kuppel wird von keiner einzigen Säule gestützt. Ein Drittel des Gebäudes machen die zehn unterirdischen Stockwerke aus, die auf dem antiken Kanal des Yongdin aufliegen, dessen Auftrieb das Gebäude zerreißen würde, wenn nicht ein Beton-„Eimer” in den Fundamenten eine sichere Zirkulation garantieren würde. Und das ganze Spektakel hat gerade einmal 300 Mio. € gekostet!

Staunend über erlesenste Marmorböden laufen, entlang kleiner Kunstgalerien auf Rolltreppen durch geometrische Formwelten hinab zu einem der kleineren Säle. Licht aus, Vorhang auf… Klassische Bühnenbestückung: ein Tisch, beidseitig daneben zwei Stühle. Dann: Einlauf der Darsteller in kunterbunten und reich verzierten Kostümen, unter Begleitung eines ohrenbetäubenden Lärms. Jetzt beginnt ein bizarres Durcheinander: stark geschminkte Männerrollen – die Sheng – traktieren, duellieren und amüsieren sich mit den Trägern verzerrter Maskenfratzen – den Jing – unter sporadischen Einsätzen des dicklich kleinen Narren Chou. Die Kontrahenten tragen Fahnen unbekannter Farbsymbolik auf ihrem Rücken, tragen seltsam intonierte Vokalformationen vor, während sie diese mit abgetaktet-abgehackten Bewegungsmustern unterlegen. Durchaus ein faszinierendes Geschehen, auch trotz völliger sprachlicher Unverständlichkeit, wäre da nicht dieser gottverdammte Lärm! Ununterbrochenes Einbrechen eines monotonen Becken-Geklänges, das wie Suppenlöffel auf Blechpfannen klingt, zerreißt uns förmlich die Trommelfelle. Dazu das blöde Aneinandergehaue von Holzstücken – vielleicht den Paibans? – nebst weinerlichem Erhu- oder Jinghu-Gegeige. Das lässt das Peter-Brötzmann-Oktett alt aussehen. Die trotz Verbotsschild klatschenden Chinesen werden bei Filmversuchen von den Handlangern der Regierung mit Laserpointern geblendet. Schon nach kümmerlichen fünf Akten reißt uns der Geduldsfaden, wir springen bei der nächsten Gelegenheit auf und werden von der Obrigkeit – durch die Garderobe freundlich lächelnder Darsteller mit angesteckten Zigaretten – aus dieser Hölle eskortiert.

Das letzte Bild, das sich unserer Netzhaut eingebrannt hat: Riesen-Gemälde der Gründungsfeier des Gebäudes, auf dem die großen Namen europäischer Konzerthäuser – wie Lang Lang, Yuja Wang, Yo-Yo Ma, Anne-Sophie Mutter, Pollini, Ashkenazy u. v. m. – dem Regierungsprojekt frivol ihren Zuspruch geben.


Tag 3

Was wäre Peking ohne einen Besuch der Chinesischen Mauer?

Nachdem wir den überdimensionierten Busbahnhof nicht finden konnten, sprach uns eine Frau an und riet, lieber den Hochgeschwindigkeitszug ab Xizhimen (Westtor) zu nehmen – Badaling sei so einfacher zu erreichen. Nur standen wir nicht in Xizhimen, sondern in Dongzhimen (Osttor).

Auf dem Weg zur U-Bahn: ein kurzer Halt in einer Bäckerei. Kaffee und ein Gebäck, das entfernt an ein Franzbrötchen erinnerte, sich geschmacklich aber eher als Croissant Chip entpuppte. Bäckereien scheinen hier tatsächlich beliebt zu sein, doch unsere Mitteleuropäische-Frühstücksromantik trifft schnell auf ihre Grenzen. Grüne oder blaue Brezeln sind keine Seltenheit, und das schwäbische Schönheitsideal – dünne Ärmlein, dicker Bauch – findet hier kaum kulinarischen Widerhall.

Der Kauf eines Zugtickets als Ausländer gleicht einer n-Faktor-Authentifizierung, wobei n eine separate Warteschlange samt Beamtem ist, der mühsam Passnummern in einen Terminal tippt mit lim n gegen ∞. Doch mitten im Bürokratie-Parcours zeigt sich: Auch Peking ist manchmal ein Dorf. Der Mann am Automaten neben uns spricht fließend Deutsch – ein ehemaliger Gastforscher am MPI für Internationales Recht in Heidelberg. Er macht noch ein Selfie für Frau und Kind, die zuhause auf das Frühstück warten, und ist schon wieder verschwunden (Foto siehe Galerie).

Zur Überbrückung der Wartezeit gehen wir essen – in ein vegetarisches Restaurant, das sich später als buddhistisch organisierter, frauenbetriebener Selbstversorgerverein entpuppt. Buchweizen-Tee wird aufgegossen, dazu kommt erstaunlich gutes Essen auf den Tisch. Ob Demeter-zertifiziert oder nicht: Hier bekommt man „Organic, No Pesticides, No electric Bill“ – inklusive kleinem Buddha für das heimische Bücherregal.

Dann: schnell zum Zug. Wir fahren in einem Dongche, dem Siemens-Pendant zur Gucci-Tasche vom Istanbuler Basar. In der Dreier-Sitzanordnung nehmen, wie vorgesehen, Mutter, Vater und Kind Platz – Vater ermutigt die Tochter, mit uns Englisch zu sprechen. Die Aussprache sitzt, der Fotocounter steigt auf acht. Ankunft in Badaling. Unser erster sonnige Tag. Schon am Bahnhof sieht man Sonnenburkas, getragen nicht aus religiöser, sondern kosmetischer Motivation.

„Die Chinesische Mauer ist an ihrer nördlichsten Stelle beendet worden. Von Südosten und Südwesten wurde der Bau herangeführt und hier vereinigt. Dieses System des Teilbaues wurde auch im Kleinen innerhalb der zwei großen Arbeitsheere, des Ost- und des Westheeres, befolgt. Es geschah das so, daß Gruppen von etwa zwanzig Arbeitern gebildet wurden, welche eine Teilmauer von etwa fünfhundert Metern Länge aufzuführen hatten, eine Nachbargruppe baute ihnen dann eine Mauer von gleicher Länge entgegen. Nachdem dann aber die Vereinigung vollzogen war, wurde nicht etwa der Bau am Ende dieser tausend Meter wieder fortgesetzt, vielmehr wurden die Arbeitergruppen wieder in ganz andere Gegenden zum Mauerbau verschickt. Natürlich entstanden auf diese Weise viele große Lücken, die erst nach und nach langsam ausgefüllt wurden, manche sogar erst, nachdem der Mauerbau schon als vollendet verkündigt worden war. Ja, es soll Lücken geben, die überhaupt nicht verbaut worden sind, eine Behauptung allerdings, die möglicherweise nur zu den vielen Legenden gehört, die um den Bau entstanden sind, und die, für den einzelnen Menschen wenigstens, mit eigenen Augen und eigenem Maßstab infolge der Ausdehnung des Baues unnachprüfbar sind.“ Kafka. Beim Bau der Chinesischen Mauer. Lesebefehl für alle, die glauben, Geschichte verlaufe linear.

Die ersten Vorformen der Mauer entstanden vermutlich bereits im 7. Jahrhundert v. Chr., als die sieben Königreiche ihre Grenzen vor allem an strategisch gefährdeten Pässen mit gestampfter Lösserde befestigten 1. Was wir heute als „Große Mauer“ kennen, wurde vor allem unter der Ming-Dynastie ausgebaut. Der Abschnitt in Badaling ruht auf tonnenschweren Steinquadern, mit Wänden aus grau-schwarzen Ziegeln. Er verläuft über Hügel, folgt Kämmen und verschwindet in Tälern – eine Architektur, die weniger begradigt als gliedert.

Dass man die Mauer aus dem Weltall sehen kann, ist ein oft zitierter Mythos – realistischerweise bräuchte es Davids, aus seiner völligen Gehörlosigkeit resultierende, unvorstellbar scharfe Augen, um ein fünf Meter breites Bauwerk aus hunderten Kilometern Höhe zu erkennen.

Alles Weitere überlassen wir den Bildern.

Auf dem Rückweg entdecken wir drei traurige Kragenbären-Gehege. Jeweils fünf bis zehn Tiere, mit scheinbar heilenden Gallensaft.

Im Zug zurück fallen die Augen zu. Die zwei Wäscheladungen ziehen sich bis in die tiefe Nacht hinein, denn eine der Beiden Waschmaschinen ist „Wegen Schneeräumung außer Betrieb“.


  1. Der Wind ist neben dem fließenden Wasser das zweitwichtigste Fluid, das die Landschaft der Erde prägt. In Nordchina, insbesondere im Lössplateau, bildet dieser mächtige äolische Schichten, die aufgrund ihrer geringen Kohäsion stark erosionsanfällig sind. Bei Bauarbeiten, landwirtschaftlicher Nutzung oder starken Winden kann Löss leicht remobilisiert werden. Die freigesetzten Partikel tragen erheblich zur Bildung von Feinstaub (PM₂.₅) bei, der in Verbindung mit gasförmigen Schadstoffen wie NOₓ und SO₂ die chemische Grundlage für Smogereignisse bildet. ↩︎