04 Chengdu
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Beim Verlassen der Metro schlägt es Mitternacht. Eine sanfte florale Brise weht uns entgegen. Kühle Duftschwaden aus den Nebelkanonen des People’s Park. Niedrige Reihenhäuser, minimale Vergitterung. Hohe Bordsteine, angenehm nussiger Bratgeruch aus erloschenen Türeingängen. Zum Hotel durch Bambus verhangene Gassen zwischen NATO-draht Ornamentik und Backsteingraffiti. Unser Hotelzimmer im elften Stock. Gegenüber verschleiern Kampferbaumkronen ein sechsstöckiges Wohnhaus mit verblasstem türkis-rosanenen Kachelmosaik; grünlicher Schimmer abgerundeter Balkonverglasungen. Zimmer 1006, am Ende des verwaschen-beigen Ganges. Raumduft: Camel Blue-WcEnte. Die rustikale Einrichtung aus Küchenzeile, zwei Ehebetten und geräumigen Bad wird von einem sperrigen Sperrmüll-Kronleuchter abgerundet. Panda Fresko, Wäscheleine vor dem Fensterband. Vor uns das Aderwerk der Straßen, knöcherne Wohntürme, Blinzeln der Hindernisbefeuerungen.
Lockrufe aus fernen Hinterhöfen versprechen einen nächtlichen Schmaus. Um die Ecke stoßen wir auf das familiäre Ambiente eines Küchenausbaus mit Edelstahlgrill. Vor dem Eingang sitzen laut scherzende Jugendliche auf Plastikstühlen vor einem vollgepackten Tisch, der Schauplatz eines Trinkspiels ist. In der Kombüse der Einrichtung wählt man aus einer breiten Auswahl an Gemüse, Pilz und tierischen Spießen. Sobald die Selektion im Wäschekorb zusammengestellt wurde, werden die Wahlbissen dem Grillmann zur Zubereitung übergeben. Die Spieße werden zur gelungenen Einführung in die Szechuan-Küche. Scharf doch abgerundet ist für alle willigen etwas dabei.
Freche junge Frauen in Kosmetikhaarbänder und schlabberigen Jogginganzügen, fordern die schüchternen Jungs brüllend dazu auf das Bier zu exen. Bläulicher Kippenqualm kräuselt sich um die Neonbeschriftung der Kaschemme. Aus der anliegenden Gaming-Höhle schluffen trübe Tränensäcke heraus.
Die Nacht in der dunstigen Treibhaussuite ist aufgrund des röchelnden Siebenschläfers für einige etwas weniger erholsam. Dafür erquickt der Blick auf das morgendliche Farbenspiel des kachelnen Reform-Ära Wohnblocks mit seinen verschlafenen Dachgärten.
Gegen viertel vor sieben schleichen Rafa und Toni sich aus dem Zimmer und begeben sich Richtung Peoples Park. Drei fettige Sesambällchen später stehen wir auf dem Platz vor dem Monument für die Märtyrer des Railway Protection Movement’s. Die politische Protestbewegung, die 1911 in Sichuan gegen den Plan der Regierung ausbrach, lokale Eisenbahnprojekte zu verstaatlichen und die Kontrolle an ausländische Banken zu übertragen stärkte anti-Qing-Gruppen und trug entscheidend zum Ausbruch der Revolution von 1911 bei. Der Einsatz kaiserlicher Truppen aus der benachbarten Provinz Hubei zur Niederschlagung der Bewegung eröffnete Revolutionären in Wuhan die Möglichkeit zum Wuchang-Aufstand, der schließlich die Qing-Dynastie stürzte und die Republik China begründete. Heute spielen die örtlichen Senioren hier Federball.
Unsere fortgeführten Erkundungen führen uns zum anliegenden Park, in dem wir auf eine kunstvoll geschwungene Metallgitterkonstruktion stoßen, die blau und rosa mit DIN-A4 Blätter gescheckt ist. Der Menschenmarkt ist nach Geschlecht geordnet, offizielle Stempel zieren die Dokumente, links oben der bürgerliche Name, rechts daneben Platz für ein Foto, darunter Ankreutzkästchen und Platz für Selbstentfaltung: 88er Baujahr, ein Kreuz bei „geschieden”, alleinerziehende Mutter von zwei… das wird wohl nichts.
Wir folgen dem süßlichen Duft der Osmanthus Fragrans entlang des lotusbeschmückten Jinshui Bach und verzierter Natursteinbrücken zu einem unter Zürgelbaumkronen versteckten Plätzchen. Eine Gruppe älterer Herrschaften ist mit den Füßen in den Boden gestemmt, um sich mit dem Oberkörper den fließenden Bewegungen des Tai Chi’s hinzugeben.
Tai Chi wurzelt im Taoismus und Konfuzianismus, und ist eng mit der Taiji-Kosmologie (Yin und Yang, Taijitu-Symbol) verbunden. Es integriert taoistische Lehren zu Qi (Vitalkraft), Neidan (innere Alchemie) und den drei Dantian (energetische Zentren des Körpers). Als innere Kampfkunst (Neijia) gehört Tai Chi zur Wudang-Tradition, im Gegensatz zu den äußeren Shaolin-Stilen (Waijia). Seine Prinzipien betonen Weichheit über Härte, Wu Wei, Nachgeben, innere Ruhe, Meditation und Einklang mit dem Tao. Ziel ist die Entwicklung von Natürlichkeit, Qi-Fluss, Wuxin (Nicht-Geist) und Ziran (Spontaneität). Zentral ist das Wechselspiel von Yin und Yang: Kraft wird nicht frontal mit Kraft beantwortet, sondern durch Nachgeben und Umlenken überwunden. Gleichzeitig kann Yin Härte hervorbringen. Schließlich verlangt die Praxis auch Wude – moralische Haltung, Schutz der Schwachen und Barmherzigkeit gegenüber Gegnern.
Im anliegenden Chrysanthemen Garten sollen wir die „noblen Vier“, bestehend aus Pflaumenblüte, Orchidee, Bambus und Chrysantheme, bewundern, welche den konfuzianischen Tugenden der - junzi - Edelmänner - zugeordnet sind. In der oberen Reinfolge: Standhaftigkeit, Reinheit, Aufrichtigkeit und Bescheidenheit. Leider finden wir nur Aufrichtigkeit vor und die Reinheit steht noch nicht in Blüte.
Von unseren knurrenden Magen getrieben, folgen wir wieder einmal den Empfehlungen unseres französischen Kulinarikführers. Dort werden Suppen und DanDan Nudeln in drei Klassen geteilt, namentlich ‘old’, ‘new’ und ‘more’. Die Nudeln sind mit scharfen Rinderfond vermengt und mit Koriander gewürzt. Die verschieden befüllten Wontons kommen mit einem feurig fruchtigen Dip aus gehackten Chilis und Frühlingszwiebeln. Zwei Schärfegrade werden angegeben und nach dem der erste nur Lukas’ Toleranz ausreizt versuchen wir es mit Grad 2. Auch dieser bleibt bei einer angenehmen Schärfe. Auch dieser Grad wird dem Ruf der Sichuan Küche kaum gerecht. Zur Neutralisation wird Reispudding mit Bohnenmuß serviert.
Am Ufer des „Blumen spülenden Bach” , dem Huanha Xi , am östlichen Rand des Stadtkerns, erbaute sich 759 a.d. der große Tang zeitliche Dichter Du Fu eine strohgedeckte Hütte. Die vier Jahre die er hier verbrachte sollten seine produktivste Schaffensphase werden. In dieser Lebensphase, in der sich der „Heilige der Dichtkunst” kaum mit seiner Kunst über Wasser halten konnte, schuf er ganze 240 Gedichte. Du Fu Cao Tang oder Du Fu’s Strohhütte ist heute eine 9,7 ha große Park- und Museumsanlage, die aufgrund großzügiger Spenden reicher Familien, wie den Zhang die seinerzeit Hubei regierten, in Teilen noch erhalten, obwohl die meisten Gebäude, die Strohhütte eingeschlossen, während Ming Dynastie rekonstruiert werden mussten und von den Qing restauriert wurden. Dass die Strohhütte ohne diese Mühen wohl kaum 1265 Jahre bestand gehabt hätte, lässt sich schon anhand eines der bedeutendsten Werke der „Strohhütten Periode” erahnen 1.
Falls unsere Leserschaft sich ebenfalls schwertun sollte die poetischen Qualitäten des Gedichts zu begreifen, so seien sie versichert, dass es uns beim lesen der vielen Plaketten nicht anders ging. Dies mag sicherlich großteilig auf die logografische Natur der chinesischen Schrift - Hanzi( 漢字 / 汉) - zurückzuführen sein, die sich nicht direkt in Wörter ausdrückt, sondern eher in einen Kontext, der aus Sinnkombinationen generiert wird. So setzt man im Chinesischen keine Buchstaben zusammen, welche die Bedeutung, die Schrift und die Aussprache repräsentieren. Vielmehr greift man auf die Schriftzeichen zurück, um daraus ein versinnbildlichendes „Wort“ zu bilden. Generell wird jedem dieser Symbole eine Silbe zugeordnet, die beliebig kombiniert werden kann. Somit hat das Chinesische auch keine Grammatik in unserem Sinne, mit Singular oder Plural, Zeiten und Fällen. Wörter werden zusammengesetzt, so wie „früher“, um die Vergangenheitsform auszudrücken und Wörter wie „bereits“ können als das Perfekt dienen. Somit setzt die Schrift auch zahlreiche Wiederholungen voraus, die den Sinn eines Satzes erst erschließen lassen. Was wir aus unserer westlichen lyrischen Tradition heraus als überflüssig und unästhetisch abtun, erklärt sich demnach einfach aus den Notwendigkeiten der chinesischen Schriftsprache. So bevorzugt das Chinesische Bilder und Metaphern, um Ideen zu vermitteln, wonach das Konkrete immer Vorrang vor dem Abstrakten hat, dem man nur ungern in all seinen feinen Verzweigungen folgen möchte. Inwiefern diese laienhaften Ausführungen der Problematik Gerechtigkeit wieder fahren lassen ist fraglich, doch lässt sich konstatieren, dass die ästhetische Kraft der Verse Du Fu’s dem fremden Auge wohl verschlossen bleiben. Dafür eröffnet der uralte Bonsaigarten auch den Barbaren all seine Pracht.
In der Halle der großen Dichter überfliegen wir immerzu Hymnen auf diesen oder jenen großen Meister und erfahren, dass jener diesen hoch verehrt haben soll. Dabei hängen sich die Beschreibungen, ähnlich wie in vielen europäischen Museen, meist mit der Aufzählung zahlloser Plattitüden auf: die lyrischen Qualität des Einen, der Patriotismus des Anderen, die philosophische Tiefe jenes großen Geistes. So heißt es über den Dichter der nördlichen Song Su Shi:
„ […] As One Of Eight Literature Masters From The Tang And Song Dynasties, He Shared Equal Reputation With Huang Tingjian. Apart From This, He Founded The Bold And Unconstrained School Of Ci Lyrics With A Magnificent Style, Pioneering The Way For Xin Qiji And Others And Guaranteeing His Remembrance As A Great Master. Su Shi Held Du Fu In Great Esteem, Which Can Be Verified In The Comments After The Painting Of Wu Daozi, “if We Reach The Level Shown In Du Fu’s Poems, Han Yu’s Proses, Wu Daozi’ Paintings, And Yan Zhenging’s Calligraphy, It Can Be Concluded That The Possibility And Flexibility In Artistic Creation Throughout The Ages Have Been Exhausted.”
Und auch in der anliegenden Galerie, die Fotos sämtlicher prominenter Gäste ausstellt die je einen Fuß in die Anlage gesetzt haben - von Mao über Deng bis hin zu Chirac, der angeblich die Worte „paying the highest homage to the greatest poet of humanity” als Inschrift zu Du Fu hinterlassen haben soll - tritt der Kanonisierungs-Fetisch der Chinesen zum Vorschein: die historisch gewachsene Veranlagung von Staatsmännern und Gelehrten eine stete Evolution und Engführung des Kanons zu gewährleisten; meist mit dem Zwecke gegenwärtige Herrschaftsverhältnisse zu begründen und zu legitimieren.
All diese wahnhafte Lobpreiserei scheint uns daher weniger die Folge eines kollektiven Stendal-Syndroms zu sein, sondern eher einer erzwungenen Identitätsstiftung zu entspringen. Immerhin würde eine Ausstellung mittelalterlicher Dichtungen - sagen wir eines Walther von der Vogelweide - in Deutschland wohl kaum solche Pilgerströme anziehen. Beim flanieren durch die präzis komponierte Parkanlage treffen wir unter einem sonnenbetupften Pavillon auf einen Kalligrafen, dem wir noch am ehesten echte Kennerschaft zumuten. Doch da gerät Toni ins Visier einer aufgeregt gestikulierenden Schülerin stark verzierten Gesichts und künstlicher blauer Iris. Die hyperventilierende Verehrerin ist erpicht auf ein Foto mit dem mittlerweile zwar geübten dennoch aber peinlich berührten Angebeteten, was prompt durch die drollige Freundin erfolgt. Da die junge Dame auch noch darauf besteht dem mittlerweile hochroten Hilflosen ein Lesezeichen des Kalligrafen mit eigener Botschaft zu schenken, kommt man ins Gespräch. Wir erfahren das die Jugendlichen hier tatsächlich auf Tang-Lyrik stehen, die Gedichte Du Fu’s sich aber vor allem durch die Schuldiktate eingebrannt haben.
Unter roten Lampions und raschelnden Bambusbüschen erhebt sich das Mi Xun Tea House, ein Ort, der Tradition und zeitgenössische Kulinarik in vollendeter Harmonie vereint. Untergebracht ist das Restaurant in einem ehemaligen Teehaus im Herzen Chengdus, dessen Mauern noch den Geist der alten Literaten und Teemeister atmen. Heute wird diese Bühne genutzt, um eine zeitgenössische Form der Sichuan-Küche zu präsentieren – rein vegetarisch, saisonal und nachhaltig gedacht. Seit 2022 trägt das Haus ununterbrochen einen Michelin-Stern und wurde darüber hinaus mit dem Grünen Michelin ausgezeichnet, was seinen Anspruch auf umweltbewusstes Kochen unterstreicht.
Im Menü heißt es: „We use seasonal harvests from local farms to create vegetarian dishes that highlight the uniqueness of Sichuan cuisine…” – und tatsächlich zeigt jeder Gang uns unbekannte Gemüse, Kräuter und Blüten.
Wir beginnen mit einem kühlen weißen Tee, dessen honig Noten sich in einem hohen Glas entfalten, und einem schwarzen Tee, der in einer pastellblauen Tasse serviert wird – mit einer Handvoll Blüten, die sanft auf der Oberfläche treiben.
Die ersten Teller wirken wie Miniaturen: Rettich, Hami-Melone und Bambussprossen, verbunden durch ein Basilikumblatt und gebettet auf ein süß-säuerliches Melonenchutney. Dann folgen klassische Teigtaschen, die auf rotem Puffreis ruhen und mit jungen Erbsen und Pilzen gefüllt sind – ihr zarter Biss weicht einem angenehm süßen Nachhall.
Der scharfe Höhepunkt sind gewickelte Tofublatt-Nudeln, die in einem tiefen Pilzfond schwimmen und von feurigem Chili bekrönt sind: ein Spiel aus Schärfe, Umami und seidiger Textur. Schlicht, schon zu schlicht, wurde eine leichte Gemüsebrühe über ein kunstvolles Türmchen aus Spinat, Yucca und Ginkgobeeren gegossen – sie soll chinesische Medizin enthalten.
Der vielleicht spektakulärste Gang erscheint mit einem schweren gusseisernen Löffel: Romanesco neben cremigen Taro-Püree, umhüllt von einer knusprigen Quinoapanade, veredelt durch hauchdünne Mandelscheiben und ein goldenes Maispüree. Ein wahrer Umami-Moment, komplex und überraschend.
Weitere Gerichte folgen wie Kapitel eines chinesischen Märchens: Dandan in seiner tiefsten Form, begleitet von Kartoffeln und Pilzen in einer konzentrierten Sauce; dann Spinatnudeln mit Chiliöl, halb mit Algen, halb mit Nüssen bestreut – wohl das Signature Dish des Hauses, für uns eine Enttäuschung.
Zum süßen Abschluss jedoch findet das Mi Xun Tea House zurück zu seiner anfänglichen Stärke: ein im Bambusrohr servierter heuiger Reispudding aus Hafermilch mit feinem Blütensirup, eine Mungbohnen-Praline gefüllt mit Rosenkonfitüre und schließlich schwarzes Sesam-Mousse auf Kokos-Pflaumen-Masse.
Der Restaurantbesuch hinterlässt gespaltene Meinungen. Ob sich der Stern auf europäische Standards übersetzt, bezweifeln wir. Lukas entscheidet sich dazu der Bedienung seine Enttäuschung über die Nudeln mitzuteilen, während wir schon draußen in Bewertungen grübeln.
Nun ab ins Bett, denn der nächste Tag birgt große Strapazen.
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In the eighth month autumn’s high winds angrily howl, And sweep three layers of thatch from off my house. The straw flies over the river, where it scatters, Some is caught and hangs high up in the treetops, Some floats down and sinks into the ditch. The urchins from the southern village bully me, weak as I am; They’re cruel enough to rob me to my face, Openly, they carry the straw into the bamboo. My mouth and lips are dry from pointless calling, I lean again on my cane and heave a sigh. The wind soon calms, and the clouds turn the colour of ink; The autumn sky has turned completely black. My ancient cotton quilt is cold as iron, My darling children sleep badly, and kick it apart. The roof leaks over the bed- there’s nowhere dry, The rain falls thick as hemp, and without end. Lost amid disorder, I hardly sleep, Wet through, how can I last the long nights! If I could get a mansion with a thousand, ten thousand rooms, A great shelter for all the world’s scholars, together in joy, Solid as a mountain, the elements could not move it. Oh! If I could see this house before me, I’d happily freeze to death in my broken hut! ↩︎