05 Emei Shan

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Tag 11

In der Frühe machen wir uns über den Chengdu-Dong-Bahnhof auf in Richtung Emei. Vor dem Fenster beginnen sich abwechselnd urtümliche wie landwirtschaftliche Naturpanoramen aufzutürmen. Tiefgrün bewachsene Berge reihen sich aneinander wie abgeflachte Zuckerhüte. Hohe, spindeldürre, bambusblättrige Eichen wehen im Wind. Scheinbar unberührtes, ärmliches Bauernleben neben prunkvoll-sterilen Villen, die aus der Urwelt herausbrechen. Heuballenhäufungen in pittoresken Tälern beschwören Monets Heuschober-Zyklus aus dem fernen Giverny herauf.

Ankunft in Emei, dem ersten Kaff unserer Reise, mit gerade einmal 419.000 Einwohnern. Zu wenig triste Hochhäuser, um sich als Satellitenstadt zu qualifizieren, zu breite Straßen mit deplatzierten, magnolienförmigen Laternen, zu viel planierte Landschaft und matt-öde Wohnblock-Moloche, um ein malerisches Kleinstadtidyll abzugeben.

Vor dem Anstieg noch frühstücken: einen Holzeimer voll Reis, zwei Acht-Eier-Omelettes, dazu Bratkartoffeln julienne. Beim Verschlingen der Speisen leistet uns ein Grashüpfer Gesellschaft, der in einem Spinnennetz in der schäbigen Ecke des Lokals sein Ende gefunden hat. Draußen vor der Kaschemme kann man für 2–3 Yuan Bambusstöcke verschiedener Dicken erstehen, die sich dem Anschein nach mehr oder weniger gut dazu eignen, die Schädelplatten der örtlichen Bergbanditen zu zertrümmern. Aber dazu später mehr …

Als höchster der vier heiligen Berge Chinas, mit einer Höhe von 3099 m, ist der Emei Shan das perfekte Wanderziel am Rande des Sichuanbeckens auf dem Weg nach Yunnan 1. Er ist dem Bodhisattva Samantabhadra geweiht, dem Schutzpatron der Meditierenden. Sein Kennzeichen ist der weiße Elefant, der ihn einst vom fernen Indien zum Emei Shan gebracht haben soll. Vom Fuß des Berges bis hinauf auf den Gipfel finden sich zahlreiche Tempel 2. Unser Ausgangspunkt ist der Baoguo-Tempel aus dem 17. Jh. Besonders stolz ist man hier auf eine 2,4 m hohe Porzellanstatue des Buddha.

Die ersten Stunden des Aufstiegs sind von feuchter Hitze geprägt. Schon nach ein paar Kilometern kommt uns fast niemand mehr entgegen. Je weiter wir den Berg hinaufsteigen, desto einsamer heben wir uns gegen die Landschaft ab. Am gegenüberliegenden Hang entdecken wir die ersten Affen – Tibetmakaken, die in Höhen um 1500 m typisch sind und später noch für eine unerwartete Begegnung sorgen sollten.

Am Nordhang wandern wir zunächst durch dichte Bambusbestände, die sich in dem feuchten Mikroklima besonders wohlfühlen. Der Nebel bildet winzige Tröpfchen – kaum zu spüren. Die rote Erde, reich an Eisen und verwittertem Vulkangestein, trägt auffällige Nadelbäume. Weiter oben tritt dann mehr Laub in den Vordergrund.

Das Relief verstärkt die Kontraste: Schroffe Karstfelsen durchziehen den Weg, während Wolkenfetzen aus den Tälern aufsteigen. Der Emei Shan liegt im Übergang zwischen der sino-japanischen und der sino-himalayischen Florenregion – entsprechend hoch ist die Biodiversität. Li & Shi (2007) geben in Plants of Mount Emei eine Zahl von 3703 Pflanzenarten für den Emei Shan an.

Auf 1500 m, mitten in der Mischwaldzone, passiert es: Zwei der pelzigen Kleinverbrecher attackieren David, aggressiv auf die Vorräte. Zum Glück kann Toni mit seinem am Bahnhof gefundenen Bambusstock (Taufname: Affendrescher) die Tiere auf Abstand halten. Ein kurzer Schreck, bevor der Aufstieg weitergeht.

Doch die Beine werden schwerer, je endloser die steilen Stufen erscheinen. Zugleich beeindruckt die kunstvolle Detailarbeit der Geländer, die fast wie in einer gestalteten Parkanlage wirken. Eine riesige Drohne trägt Baumaterial zu den Arbeitern, die im Regen Stahl flechten und schweißen, um einen Geröllschutz zu bauen.

Wir erreichen die Klosteranlage Xianfeng (Informationen entnehme man der Karte). Zur Vor- und Rückseite mit goldenen Altaren versehen, tragen dunkle Holzstämme das dreistöckige, quadratische Tempelgebäude mit quadratischem Innenhof. Nicht eine Vase bleibt ungeschmückt mit den von Nonnen gebundenen, wohlriechendsten Blumensträußen. Die Mönche halten hier die berüchtigten Malinois – scheinbar, um die Affen fernzuhalten.

Nach einer warmen Dusche und einfachen vegetarischen Gerichten auf der großen Terrasse verbringen die einen noch einige Augenblicke in der mit Sträußen verzierten Teestube, die man sonst nur aus Filmen kennt, während die anderen sofort ins Bett schlüpfen.

Tag 12

Uns wecken die Trommelschläge der Beopgo um halb sechs in der Früh. Schnell gießen wir uns einen Nestlé-Instantkaffee auf, essen ein paar Puffreiseriegel, verabschieden uns von unserem Hausheiligen – dem Gott des Glücks – und stehen schon auf den ersten Stufen. Endlose Treppen ziehen sich nach oben. Heute läuft jeder für sich, um die Kräfte zu schonen. Tonis Knie schmerzt bei jedem Schritt, aber eine schnelle Erlösung gibt es nicht. Vorbei an Bergwachen und kleinen Tempeln begegnen uns in den ersten Stunden ebenso viele Makaken wie Wanderer.

Der große Nabokov soll einmal gesagt haben: „Literature and butterflies are the two sweetest passions known to man.” Nun sind wir leider keine Lepidopterologen und doch erscheint uns der Emei Shan als wahrhaftiges Schmetterlingsparadies. Gleich beim Anstieg schwirren uns außerirdisch anmutende schwarze Sonden entgegen, die ihrer blauen Betupfung nach der Tirumala septentrionis ähnelt. Als eine dieser fremdartigen Erscheinungen gleich vor Toni auf dem Boden landet, bleibt dem Staunenden kaum ein Augenblick Zeit bevor eine vorbeilaufende Ortsansässige den zarten Falter zertritt… Ein solches Ende bleibt den tarnfarbenen Waldbewohnern hoffentlich erspart, die teils eine gänzliche Metamorphose zum Blatt vollzogen haben oder einen mit gelben Raubtieraugen aus dem Dickicht heraus mustern, wie es bei der Lethe lanaris der Fall ist. Dicht über unsere Köpfe flattern unheimliche fledermaus-große Pech schwarze Falter der Gattung Papilio. Bildern nach zu urteilen könnte es sich um den Papilio memnon handeln - dem großen Mormonen - einem Riesen unter den Schwalbenschwänzen. Ebenso tiefschwarze und mit schillernden Blauakzenten ist ein kleiner Edelfalter, der sich wunderbar gegen eine matte Beschilderung abhebt. Von einem großen tropfenden Lotusblatt aus strahlt uns eine kleine Pantoporia-Sonne an. Der orange-schwarz gestreifte Gattung wird auch Lascar genannt, nach den rauen indischen Seemännern und Militärs die ab dem 16. Jhd. die Weltmeere bereisten. Weniger kräftig koloriert, eher einer matten Motte ähnelt, aber noch weniger hinreißend, ist eine Angehörige der Geometridae. Dieses Exemplar kann aufgrund seiner nachmittäglichen Betriebsamkeit auch mit der etwas anstößigen Bezeichnung Tag Spanner angesprochen werden.

Der Schutzgott des Berges gewährt aber nicht nur seinen anmutendsten Schöpfungen Unterschlupf. Der uns umringende Wald wird immer wieder von der urtümlichen Klängen unbekannter Vogelstimmen erfüllt. Eine kleine Schlange windet sich durch eine Abflussleitung. Raupen hieven sich an Blattgemäuern empor, Giftspinnen verspeisen ihre Beute in Strauchwipfeln, vorzeitliche Libellen surren aus den Büschen, die Zikaden veranstalten ungewohnt abstrakt-moderne Konzerte. Eine Stabheuschrecke hat ihre sichere Tarnung aufgeben, um sich der mühsamen Überquerung der moosigen Steintreppen zu stellen.

Am Kloster Xixiang Pool weist uns ein Mönch den Weg. Wenig später kehren wir bei einem alten Ehepaar ein, das hier eine Berghütte führt: gebratener Reis mit Ei und ein Dosen-Energy-Drink um 9 Uhr – dann geht es weiter bergauf. Gegen 10:45 Uhr erreichen wir Jieyindian, wo die Stille endgültig endet. Busse spucken Scharen von Besuchern aus, Verkaufsstände übertönen einander mit Lautsprechern und grellen Bannern, der erste Geruch von Schweinepfoten und Gänsehälsen hängt in der Luft. Am Wegesrand werden wir Zeugen von Szenen, die uns fassungslos machen: Makakenvergewaltigung neben mietbaren Sänftenservice.

Je höher wir steigen, desto dichter wird das Gedränge. In der Seilbahn, die die letzten 400 Höhenmeter überbrückt, ist kaum Platz zum Atmen. Jeder drängt nach einem Fensterplatz. Freudenchöre bei der ersten Bergsichtung. Dann erscheinen die ersten Stufen des Golden Summit.

Ein Entwicklungsplan von 2005 hatte den Emei Shan offiziell zum „Number One Mountain in China“ erklärt – verbunden mit dem Bau einer monumentalen Plattform und einer 48 Meter hohen, goldenen, zehn-gesichtigen Samantabhadra-Statue. Inzwischen ist dieses Monument Realität: der größte Buddha aller heiligen Berge Chinas, Symbol buddhistischer Tradition – und zugleich des modernen Massentourismus.

Buddha Figuren sind aus chinesischen Souvenirshops und Antiquitätenläden nicht wegzudenken. Dabei handelt es sich bei der verwirrenden Vielzahl an Darstellungen keineswegs um ein und denselben historischen Buddha, Shakyamuni, sondern um Bildnisse verschiedenster Bodhisattvas. So heißt es im Lotos-Sutra, dass Buddha zu 8000 Bodhisattvas und 60 000 Göttern predigt und von „Hunderttausenden von Millionen Buddhas“ spricht:

„Der frühe Buddhismus kannte überhaupt keine Bildnisse Buddhas - der ja ins nirvâna eingegangen war -, sondern nur Symbole: ein leerer Thron, ein reiterloses Pferd, ein Paar Fußspuren. Erst als er in Ghandara, im Grenzgebiet des heutigen Pakistan und Afghanistan, in Kontakt mit dem Hellenismus kam, entstanden die ersten Buddha-Darstellungen: eine Goldmünze aus dem 2./3. Jahrhundert zeigt einen stehenden Buddha, versehen mit der griechischen Inschrift »Buddha«. Vor allem aber wurde in Stein gearbeitet: die großen, in einen Berg gehauenen Buddhastatuen von Bamiyan, die 2001 von den Taliban zerstört wurden, gehörten zu den prächtigsten Zeugnissen der Kunst von Ghandara. Buddha kam mit griechischem Antlitz nach China. Doch es fiel schwer, ihn, den verloschenen Gott, leibhaftig abzubilden und zu verehren. Weitaus populärer waren die Figuren von Bodhisattvas, die eben nicht ins nirvana eingegangen waren, sondern weiter zum Wohle aller Wesen wirkten. Der beliebteste von ihnen ist zweifellos Avalokiteshvara (chin. Guanyin), der Bodhisattva des unendlichen Mitgefühls, Schutzgott gegen Schiffbruch, Feuer, Diebe und Mörder. Von Guanyin heißt es, er könne die verschiedensten Formen annehmen, um vor Leid zu schützen, und entsprechend vielfältig wird er dargestellt: mit elf Köpfen etwa, mit tausend Armen und seit der Song-Zeit meist als Frau.” (Vogelsang, Kai; Geschichte Chinas)

Unterhalb der Tempelanlage zeigt sich der Kontrast: ein Markt, in dem Fleischgerichte und Souvenirs verkauft werden, zerstört jede buddhistische Atmosphäre. Der Nebel versperrt uns zwar die Sicht fast völlig, doch für kurze Augenblicke öffnet sich das Tal unter uns. Wir verweilen noch, genießen die letzten Momente am Gipfel – dann beginnt der Abstieg.

Ein Bus bringt uns zurück zum Bahnhof, wo wir unser Gepäck verstauen, bevor wir zum nächsten Bahnhof weiterfahren – ein kleiner Bau an einem Schienenkreuz, auf zwei Ebenen verteilt, mit riesigem Vorplatz, vor dem ein leerer gepanzerter Polizeiwagen demonstrativ parkt. Am Ticketschalter sorgt die Sprachbarriere für Ungeduld; statt die Automaten zu nutzen (für ausländische Pässe gesperrt), drängen die Reisenden sich hinter uns zur einzigen Schalterdame.

Wir haben noch ein paar Minuten, bis Lukas aufbricht. Die ganze Nacht wird er brauchen, um Peking zu erreichen. Ein Platz in unseren Herzen ist ihm gewiss. Wir grüßen dich! Auch wir steigen bald in den Zug nach Kunming.

Süd-Sichuan gleitet im Abendlicht an uns vorbei – eine Landschaft aus fruchtbaren Flussbecken, schroffen Karstbergen und endlosen Terrassen, die einen weiteren Besuch wert scheint. Spät am Abend erreichen wir Kunming. Ein DiDi bringt uns zu Tao Yu, unserem Gastgeber für die nächsten drei Tage. Toni und Rafa hatten ihn letztes Jahr in Jerewan kennengelernt; er lud sie damals ein, ihn in China zu besuchen. Zu Beginn braucht ihr nur zu wissen, dass er 59 Jahre alt ist, Yogi, Lebemann – und bereits über 100 Länder bereist hat.


  1. Das Sichuan-Becken ist das tiefste Becken in China (unter 500m). Das Klima des Beckens gehört zum subtropischen Monsun-Feuchtklima, mit Regen und Hitze im gleichen Zeitraum. Die Ebene im Becken ist riesig, und in den Bergen gibt es viele flache Dämme, die für die Entwicklung der Landwirtschaft geeignet sind. Es ist ein berühmtes landwirtschaftliches Gebiet in China und als „Land des Überflusses" bekannt. Zudem hat es als wichtigstes Reis- und Rapsanbaugebiet für China große Bedeutung und seine Produktion von Seidenraupenzucht, Zitrusfrüchte, Tungöl, Silberohr und Coptis ist die älteste in China. Das Sichuan-Becken beherbergt eine der am dichtesten besiedelten Regionen (mit den wirtschaftlichen Zentren Chengdu und Chongqing) in China und der Welt. ↩︎

  2. „Seit dem Ende der Großen Kulturrevolution (1966–1976) in welcher Religionsanhängerinnen radikal verfolgt sowie sichtbare Formen von Religion zerstört wurden, und dem Beginn der Reform- und Öffnungspolitik (ab 1978) sind auch Religionen in gesetzlich beschränktem Rahmen in der VR China wieder zugelassen. […] Neben fest organisierten und institutionalisierten Gruppierungen gibt es auch die sogenannte lokale oder „Volksreligion“. Zahlen von Anhängerinnen lassen sich statistisch schwer erfassen; dies ist bereits methodisch aufgrund des Charakters vieler Religionen in China schwierig, da sie nicht wie das Christentum eine feste Zugehörigkeit oder Zugangsrituale (z. B. Taufe) besitzen. Dies gilt insbesondere für die sogenannte „Volksreligion“, auch die meisten Besucherinnen buddhistischer oder daoistischer Tempel fühlen sich wenig exklusiv an eine einzige Tradition gebunden.“*(China Geographien einer Weltmacht, Sina Hardaker, Peter Dannenberg (Hrsg.)). Heute schätzt man 185 Mio. Praktizierende des Buddhismus im weiteren Sinne, also ca. 18 % der Bevölkerung über 16 Jahren und ca. 17,3 Mio. mit formellem Bekenntnis zum Buddhismus („dreifache Zuflucht zu Buddha, Dharma und Sangha“) (Wenzel-Teuber 2020a, b, 2022). ↩︎