06 Kunming

  • 28 min read

Springe zu: Tag 13·Tag 14·Tag 15

Tag 13

Am Morgen empfängt uns Kunming im Regen. Wir leihen uns E-Mopeds und stürzen uns in den quirlig-chaotischen Straßenverkehr der Stadt. Selbst Tao Yu scheint die genauen Verkehrsregeln nicht zu kennen, und so biegen wir quer auf eine vierspurige Kreuzung ab. Von allen Seiten drängen die Autos auf uns ein, wir schlängeln uns an den hupenden Ungetümen vorbei und erreichen die Mitte, wo ein Verkehrspolizist uns gelassen durchwinkt. Es ist ein reines Gedrängel aus Fahrrädern, Motorrollern, Autos und Fußgängern, das jedoch erstaunlich harmonisch funktioniert. Jeder fährt, wie er will, aber alle scheinen gleichzeitig auf alles aufzupassen. Für den Partizipierenden wird es zum geordneten Chaos. So sind Zebrastreifen auch kein Freifahrtschein für Fußgänger, denen sie ohnehin nicht ausschließlich vorbehalten sind, sondern lediglich der potenzielle Ort einer Straßenüberquerung – unter der Bedingung, dass man gewillt ist, sich den anstürmenden Gefährten wie ein Torero entgegenzustellen.

So gelangen wir schließlich zu unserem Nudel-Frühstück. Unterwegs legen wir noch einen Stopp am örtlichen Blumenmarkt ein: Einen Strauß Schönheit bekommt man hier zu Spottpreisen. Der kleine Markt erhält seine erquickende Ware vom Dounan-Blumenmarkt, dem größten Schnittblumenmarkt Asiens.

Auf dem Rückweg, während wir noch nach einem Café Ausschau halten, bringt uns Tao Yu in den 35. Stock des „Kunming Plaza 66“. Dort befindet sich eine öffentlich zugängliche Aussichtsplattform – zugleich eine Art Schleuse zwischen der Stadt darunter und den 26 weiteren Stockwerken Büroflächen darüber. Von hier oben öffnet sich ein Blick auf das weitverzweigte Kunming und die umliegenden Berge.

Zurück in Taos Wohnung erwartet uns eine Teezeremonie 1. Das Wasser wird frisch aufgekocht, dann in eine glasierte Kanne gegossen, um die Blätter zu „wecken“. Der erste Aufguss dient weniger dem Trinken als dem Reinigen: Er spült Staub und überschüssige Bitterstoffe fort und erwärmt zugleich die Schalen, in die er ausgeschüttet wird. Dann beginnt die eigentliche Abfolge von Aufgüssen, jeder nur wenige Sekunden lang, damit sich die Aromen in feinen Nuancen entfalten. Tee ist hier kein Getränk, sondern ein Prozess, sagt er – ein rhythmisches Kreislaufen von Eingießen, Aufgießen, Verteilen und erneutem Kosten.

Wir probieren nacheinander weißen Tee, dann einen fermentierten Pu’er, gefolgt von einem weiteren weißen Tee, den eine Freundin von Tao hergestellt hat. Die Verpackung hat er selbst entworfen – ein abstrahiertes Gesicht, fast wie das eines Yogi, reduziert auf eine rote Raute und zwei konzentrierte Augen. Darüber öffnet sich das dritte Auge, Sinnbild innerer Klarheit und spiritueller Schau. Im Sanskrit steht es für Erkenntnis jenseits des Sichtbaren, verbunden mit dem Begriff Siddhi – einer besonderen Kraft, die aus meditativer Übung und geistiger Sammlung entsteht. So wird das Design nicht bloß zur Grafik, sondern zu einer Einladung: die „息地“ (der Ort, an dem das Herz ruht) als Ruhepol, und zugleich das dritte Auge als Symbol des Erwachens.

Zum Abschluss reicht er uns roten Tee und fordert uns auf, den Duft zu beschreiben. Trocken erinnert er an rote Früchte und Beeren, aufgegossen entfalten sich florale Noten. „Mehr Kreativität!“, mahnt Tao, bevor er verrät, dass dieser Tee unter dem bizarr-poetischen Namen „Mountain Old Bush Duck Shit Duft“ vermarktet wird.

Zu Mittag sind wir bei Taos Mutter zum Essen eingeladen. Eine halbe Stunde später erreichen wir mit dem Taxi den Haikang Hot Spring Garden. Am Eingangstor prangt auffällig die Reklame eines deutschen Zahnarztes namens Berger, der dort mit deutscher Qualität und Bundesadler wirbt. Wir schlängeln uns unter riesigen Bananenbäumen und Monsterablättern durch den immergrünen Innenhof des Plattenbaukomplexes, bis wir an eine dichte Hecke gelangen. Ein kleines Tor öffnet sich, fast unscheinbar, und gibt den Weg frei zu einer Erdgeschosswohnung mit kleinem Hof – ein versteckter, intimer Ort hinter nüchterner Fassade.

Das Betreten des Wohnzimmers gewährt uns einen Einblick in den Einrichtungsgeschmack einer Dame, die während der Kulturrevolution etwa 16 Jahre alt war. Unser erster Blick fällt auf ein mit Oma-Bestrickung verdecktes Klavier, das rechts neben dem kleinen runden Esstisch und der Bambussessel-Bestuhlung steht. Über dem Klavier hängt ein Strickbild einer Schweizer Almlandschaft. Darunter, auf dem Klavierdeckel, steht neben einer kitschigen Golduhr mit angelehnter Frauenstatuette und zwei Fotos der Gastgeberin ein bleiernes Abbild des großen Vorsitzenden Mao.

Wir werden gebeten, uns hinzusetzen, und gleich beginnen die ersten Speisen aus der Küche gebracht zu werden. Serviert werden verschieden zubereitete Schüsseln, wobei jeder von uns eine mit Reis bekommt, um die Speisen als Toppings zu benutzen.

Schüssel 1: Frische Süßwassershrimps werden kurz im heißen Wok gebraten, sodass das Fleisch noch zart bleibt, während eine Mischung aus gehacktem Knoblauch und frischen roten sowie grünen Chilis die Schärfe und den Duft trägt.

Schüssel 2: Ein rustikaler Teller: Rinderhack wird in der Pfanne mit Doubanjiang angeschwitzt, bis das Öl sich rot färbt. Dann kommen Selleriestücke und Tofu-Scheiben dazu, die die Sauce aufnehmen. Ein Gericht, das den herzhaften Umami-Charakter der Bohnenpaste besonders schön hervorhebt – fast wie eine Variation des klassischen Mapo Tofu, nur mit mehr Gemüse.

Schüssel 3: Die Aubergine wird seidig gebraten, bis sie außen fast karamellisiert, innen cremig weich ist. Dazu eine Sauce aus Knoblauch und frischem Chili – das Ganze verschmilzt zu einem tiefen, cremigen Aroma, wie es nur Aubergine kann.

Schüssel 4: Ein bunter, gemüsiger Wok-Gang: die Süße der Paprika und Karotten trifft auf erdige Champignons und knackige Zwiebeln. Der Tofu saugt die würzige Sauce auf, die einen kräftigen, leicht rauchigen Akzent bekommt.

Schüssel 5: Ein einfaches, fast bäuerliches Gericht: Tomaten bilden eine dicke, süß-säuerliche Basis, in die kleine Paprikastücke eingebettet werden. Mit etwas frischem Koriander abgerundet, ergibt sich eine wohlige Tiefe – süß, herzhaft, leicht scharf.

Zum Schluss ein Kontrast: Maiskolben einer alten Sorte, deren Körner nicht nur wenig süß, sondern auch klebrig-stärkereich sind. Beim Kochen werden sie weich, behalten aber eine fast wachsige Textur. Puristisch gedämpft.

Man drängt uns, mit dem Essen zu beginnen, und auch nachdem wir bereits die ersten Schalen geleert haben und zu schwärmen beginnen, haben wir die mysteriöse Gastgeberin noch nicht zu Gesicht bekommen. Wir sitzen mit Tao Yu und dem Partner des Chefs des Hauses zusammen. Letzterer, ein gesprächiger Herr, zeigt sich sehr von uns „drei hübschen Kerlen” beeindruckt und hebt über das gesamte Essen immer wieder hervor, wie gut ihm Davids Nase doch gefalle. Tao Yu erklärt: „it’s very 3D.”. Auch sonst zeigen sich alle sehr von unserem Aussehen angetan, und so werden zahllose Fotos und Videos von uns gemacht. Allerdings scheinen die Herrschaften uns bei aller Faszination wieder einmal gar nicht so gut auseinanderhalten zu können, denn es wird angemerkt, dass wir alle drei wie Beethoven aussähen. Auch Tao Yu gibt uns einige Weisheiten auf den Weg, so sei die Essenz des Yogas folgende: *„Walking is yoga, sleeping is yoga, farting is, fucking is, everything is yoga…really.” *. Taos Mutter zeigt sich von unserem Essvermögen begeistert, und wir erkennen bald, dass wir hier einer Balkan-Kur ausgesetzt sind und den Laden fett wie Weihnachtsgänse verlassen werden. Die erstaunlich fitte, über siebzigjährige – die zwischendurch immer wieder in ihr Zimmer verschwindet, um Aktien zu shorten – erzählt uns von ihren vielen Reiseerfahrungen, unter anderem auch in unserer Wahlheimat „Hăidébăo”. Wir erfahren auch, dass die in China aktuell bekannteste Stadt in Deutschland Saarbrücken ist. Grund dafür ist, dass dem 1. FC Saarbrücken diesen Sommer ein historischer Wechselcoup gelungen ist. Die Saarländer konnten den bei weitem besten aktiven Tischtennisspieler Fan Zhendong, Olympiasieger und mehrfacher Weltmeister, verpflichten und damit einige tausend chinesische Fans gleich mit 2. Wir hinterlassen leere Schalen und gehen mit übervollen Bäuchen.

Zum Kaffee sind wir mit Tao Yu im Hipster-Viertel Kunmings verabredet, das nicht mehr als zwei Straßen umfasst. Der ungebrochene kulinarische Einfallsreichtum der Chinesen äußert sich auch in der Verwertung westlicher Produkte: Tamarind Americano, salted caramel Cappuccino, fermentierter Pilz Macchiato. Auf der anderen Straßenseite werden Cupcakes in mannigfaltiger Bärchenform verkauft, die gleich darauf als Fotomotiv dienen. Bevor wir losziehen, ist natürlich noch ein kurzer Boxenstopp angesagt. Im Café steht eine Smart-Toilette. Die Brille: vorgewärmt auf Körpertemperatur. Ein paar Knopfdrücke später starten Dusche und Föhn wie ein kleines Wellnessprogramm für untenrum. Am Ende erhebt man sich nicht einfach, man schwebt empor – erfüllt von einer inneren Gelassenheit.

Im Café versuchen wir Tao Yu zu erklären, dass wir uns gerne eine Hose schneidern lassen würden. Mal wieder verweist er uns auf die unendlichen Möglichkeiten des Online-Shoppings, doch es gelingt uns schließlich, ihm unser Verlangen nach artisaner Kunstfertigkeit zu vermitteln, und so richtet er ein Treffen mit seiner Mutter ein, um mit der Fachfrau auf Schnäppchenjagd zu gehen. Zu unserem großen Bedauern entpuppt sich der abgemachte Treffpunkt nicht als träumerisches Hinterhof-Gewerbe, sondern als fiebertraumhafte Outlet-Kleinstadt. Ein monumentales Kaufhaus der Entfremdung, durch das wir nun mit der herausgeputzten Aktienspekulantin laufen müssen, der wir unter großen Kommunikationsschwierigkeiten unsere Bredouille zu erklären versuchen. Platonisch werden Preisschilder westlicher Luxusmarken geprüft, mal wird eine Hose der Show halber anprobiert und verworfen. Plastikgeruch, bedrängende Händler – wir werden von einem Laden zum nächsten gelotst. Endlich ermutigen wir uns, Tao Yu anzurufen, damit er seiner armen Mutter erklären kann, dass wir zwar unheimlich dankbar für ihr Engagement sind, in dieser Konsumkathedrale aber nichts zu finden wünschen.

Ausgelaugt und irritiert bewegen wir uns heimwärts und suchen noch schnell eine Bäckerei auf, die dafür sorgen wird, dass Tonis innerer Brinkmann völlig das Ruder übernimmt … Bis jetzt hätte man dieselben Verwerfungen genauso ungeschönt in jeder filialisierten Einkaufsmeile erleben können, doch dieser Anblick scheint die Vollendung der Warentisch-Gesellschaft zu repräsentieren. Vor und in dem Laden sind perfektionierte Marktschreier positioniert – Endstufen ihrer Evolution. Hin- und herwippende oder laufende, leblose, versteinerte Gesichter hinter Spuckschutzmasken, die ohne Ausdruck monotone Sprechgesänge vortragen und dabei blind mit Probierhäppchen umherwedeln. Steril, effizient, betäubt. Innen hockt eine junge Frau in Civil vor einer Auslage, um ihren Arm hineinzurecken, damit sie ihren Zuschauern im Livestream die beworbenen Produkte deuten kann. Mit einem zweiten Handy scrollt sie durch die live beobachtbaren Verkaufszahlen, die ihr aus irgendeinem Applet zufunkeln, während sie wie besessen in wahnsinnigem Tempo die Produktpalette rezitiert. Der Zeigefinger findet seinen Weg durch die Warenlandschaft von selbst, die Augen brauchen bloß auf das kühle Blau um die Ikonen gerichtet zu bleiben, wie auf einen Heiligenschein. Der Influencer – die Krönung der Schöpfung.

Wir stellen fest, dass wir dem See bereits so nahe sind, dass es sich förmlich anbietet, den Weg entlang der Straßen fortzusetzen, um nach einer guten halben Stunde kurz nach der Dämmerung sein glitzerndes, beinahe trügerisches Blinken zu erblicken. Der Dian-See ist ein Verwerfungsee: Er liegt in einer tektonischen Senke, die durch Bewegungen am östlichen Rand des Himalaya- und Tibetplateaus entstanden ist; dadurch hat er nur eine unbeeindruckende maximale Tiefe von 8 m. Tao bemerkte schon im Café, dass seit seiner Kindheit niemand mehr freiwillig darin bade und dass die offiziellen Projekte zu seiner Reinigung sich inzwischen über Jahrzehnte erstrecken – mit bislang eher begrenztem Erfolg. Doch wem seit er denken kann das feine blaue Mittelmeer vor dem Bug eines Fischkutters geglitzert hat, dem treibt die schlammgrüne Suppe eine ungeheure Wut und Verzweiflung ein, die in Ekel und Verachtung für die Vergewaltigung der Natur umschlägt. Dieser Schimmelüberzug der Erde, der den Raum um den See mit lächerlichen grauen Imitationen mansardbedächerter Pariser Wohnblöcke Haussmanscher Prägung überzieht, nur um sie hinter NATO-Draht verwesen zu lassen. Diese Teufel, die lieber eine Fläche kahlrasieren, umschütten und dann renaturieren, um sie mit seelenlosen, italienisierten Mehrstockkasernen zu „verschönern“, nur um sie dann dem nächstbesten reichen Verdinglichten als Comer-See-all-inclusive-Paket zu verkaufen.

Zurück bei Tao vor der blau bekachelten Bar in seinem Erdgeschoss. Die hippe Yuppie-Wirtin, die sich in jeder europäischen Großstadt gut ausmachen würde, war ursprünglich nur dem Toilettenbesuch Tonis gewidmet, der sich aufgrund erneuter gastrointestinaler Komplikationen wieder auf ein Gastronomie-Zölibat eingestellt hat. Doch gleich nach Betreten wurde uns bewusst, dass wir diese Insel der Kirke nicht so schnell wieder verlassen würden. Sobald sich unsere Beine nämlich dem nächstliegenden Tisch näherten, wurde ihnen auch schon der Boden unter den Füßen entzogen, um ihn durch einen schicken Stuhl zu ersetzen. Bevor wir wissen, wie uns geschieht, bekommen wir eine Schale Chips vorgesetzt und drei Gläser Wasser eingeschenkt. Binnen dieses Moments wird uns die Karte von einer Guanyin-Bodhisattva vor die Nase gedrückt, die gleich beginnt, uns in Netflix-Englisch und überbordender Zutraulichkeit die Getränkeauswahl zu rezitieren. Unter den wachenden Augen der Zauberin, die offenbar per Headset ihre Untergebenen kommandiert, erkennen wir sofort den Ernst der Lage: Wir wurden bereits in ihre zahmen Hausschweinchen verzaubert. So blättern wir, unter den Ermunterungen der Herrin, durch das Biersortiment und treten damit in die surreale Trugwelt ihrer Machenschaft ein.

Wir bekommen vorgetragen: „Oh yes, that’s a really traditional dark baravian wizzen.” – angeblich ein Klassiker aus dem Keller Ayingers nahe München – „Ok and what, may I ask, is the „Eitchi Damask Rose Pinot Noi?” „It’s a kind of red wine.” „So it’s not a beer?” „Oh yes it’s a beer.” … „I think I’ll take the „Realism” it’s a Radler right?” „Yes kind of like a Radler, but not as good.” – es stellt sich später heraus, dass der etwas seltsam schmeckende Radler in Wirklichkeit ein „KolSH” darstellen sollte – „Can you explain the „Suzhou Lager” to us?” – „Of course. It’s a traditional Lager, but produced like Sake. It has a very strong flavour!” – wir versuchen noch eine Weile herauszufinden, was das bedeuten soll. Hergestellt wie ein Lager oder wie ein Sake? Oder ist es derselbe Herstellungsprozess? Oder ist einfach Sake drin? … Wir fragen uns noch eine Weile, wer „Billbord Lawyer” wohl sein könnte, und erfahren, dass die Bedienung ein wenig Deutsch spricht: „Yeah if been to Austria for a year.” „Oh really! To Vienna? And what for?” „Yes, Vienna. I did my master there.” „Wow! Where did you live?” „In Linz. Yeah, for an internship.”

An diesem Punkt begreifen wir es: Der ganze Laden ist eine einzige Farce! Die Hälfte der Gäste merkt es wohl kaum, da sie der Smartphone-Hypnose verfallen sind, doch wie konnte es der Rest noch nicht erkennen! Von Tao Yu erfahren wir, dass die verdächtig motivierte Geisha die Inhaberin des Ladens ist und in Shanghai im Consulting gearbeitet hat. Jetzt ist die Beweisführung komplett, wir haben es bei Miss McKinsey mit der wahrscheinlich intelligentesten Businessfrau des Planeten zu tun: „Chat and Drink”. Der Name verrät alles. Hier wird der zuwendungsdeprivierten poshen Jugend Kunmings die Illusion menschlicher Nähe vor fotoreifer Kulisse und zu westlichen Preisen verkauft. Hinter der lächelnden Mirage der Rattenfängerin befindet sich ein hocheffizienter Rechencomputer, der jeden Zug kühl kalkuliert: das endlose Nachfüllen der Chips, die etlichen verdünnten Shots aufs Haus, der Smalltalk auf wahrscheinlich jeder Sprache der Welt, die absurde Karte, die den Ahnungslosen sicherlich absichtlich falsche Übersetzungen vorsetzt, damit die Drinks einfach ohne Urheberrechtsverletzung in ihrem Geheimlabor zubereitet werden können.

Tao entführt uns, nach all dem Schlamassel, mit einer nonchalanten Leichtigkeit durch das bereits geschlossene Spring City 66. Den Wachmann weiß er mit ein paar Worten zu überreden, sodass wir noch auf die Dachterrasse gelangen, um den Mond zu betrachten. Auf dem Rückweg erklärt er uns schließlich das Rätsel der hockenden Männer in den Gassen: Es handelt sich um betrunkenen Chauffeure – Fahrer, die gegen ein kleines Entgelt dein Auto übernehmen und dich samt Wagen sicher nach Hause bringen, wenn du selbst zu tief ins Glas geschaut hast.

Tag 14

Der Morgen beginnt mit einem Spaziergang zu Taos Yogastudio. Auf dem Weg stoppen wir beim daoistischen Zhenqing Tempel, der neben der religiösen Praxis auch ein Teehaus betreibt. Wir begnügen uns damit, einen eher faden Reiskuchen im wunderschönen Innenhof zu verzehren 3. Wir frühstücken noch in seinem Stammlokal, das gleich zu einer sensorischen Prüfung wird: Die Nudeln sind so großzügig mit Sichuan-Pfeffer gewürzt, dass es uns die gesamte Mundhöhle betäubt. Tao führt uns anschließend noch in eine Bäckerei, wo wir Rosen-Pastéis de Nata probieren – delikat, aber nicht ohne Folgen: Tonis Walnut Cream Bun erweist sich als unfreiwillige Darmkur für seine Laktoseintoleranz.

Das Yogastudio liegt im sechsten Stock eines Hochhauskomplexes, dessen Erdgeschoss eine luxuriöse Passage birgt. Vor den Übungsräumen öffnet sich ein Hochgarten mit Koi-Teich und weißem Lotus. Ältere Bewohner der Premiumwohnungen nutzen den Platz für Morgengymnastik. Die Räume selbst sind in minimalistischen Grau- und Beigetönen gehalten, der Boden besteht aus massiven Holzdielen, die nur barfuß betreten werden dürfen. Wir vertreiben die verbleibenden Stunden bis zum Kursbeginn mit einem Bummel durch die gegenüberliegende Altstadtstraße und einem Besuch des Antiquitätenkaufhauses Huguo. Der Stadtkern Kunmings unterscheidet sich kaum von den anderen Städten, die wir bisher gesehen haben: restaurierte Altstadtgassen mit Fleischständen, Kleintier- und Fischverkäufern, Armbandläden und kuriosen Handwerkskreationen.

Um Punkt zwölf beginnt die Yogastunde. Tao unterrichtet die Positionen abwechselnd auf Mandarin und Englisch. Neunzig Minuten konzentrierte Ganzkörperspannung enden in einer wohltuenden Entspannung – wir gleiten in einen kurzen Schlaf auf der Yogamatte.

Tao gilt als Begründer der modernen Yogaszene in Kunming. Vor rund fünf Jahren eröffnete er mit Yutao Yoga das älteste Yogastudio der Stadt. Schon zuvor hatte er viele Jahre auf Sinnsuche verbracht – arbeitete ehrenamtlich bei Ärzte ohne Grenzen und Habitat for Humanity, reiste viel und entdeckte schließlich in Indien seine Leidenschaft für Yoga. Ein Jahr dort prägte ihn nachhaltig und machte ihn zu einem Vermittler der Yogatradition in China.

Seine Schüler sind meist weibliche Angestellte der Mittelschicht, die neben körperlicher Fitness auch geistige Ausgeglichenheit suchen. Obwohl er Einladungen nach Peking erhielt, blieb Tao bewusst in Kunming: Yoga sei keine Franchise wie McDonald’s, sondern brauche persönliche Beziehung und Beständigkeit. Sein Ziel ist es, ein ganzheitliches Gesundheitszentrum aufzubauen, in dem Yoga, Ernährung und Lebensstil zusammenwirken. In einer Stadt, die zunehmend internationaler und hektischer wird, versteht er Yoga als Gegenpol – eine Möglichkeit, Balance und innere Ruhe zu bewahren.

Nach der Stunde bringt uns Tao noch zum Hamburgerladen eines Freundes aus Hamburg – jeder Bissen ruft ein leises Heimweh hervor. Während Tao ins Studio zurückkehrt, schlendern wir weiter durch die Stände und Gassen rund um den Jinbi Park, bis wir in einer Tee-Einkaufsstraße in ein kleines Geschäft geraten. Ein älteres Paar empfängt uns mit überraschender Herzlichkeit und serviert weißen Tee in einer improvisierten Verkostung. Zwischen den dampfenden Tassen stolpern wir über die charmanten Eigenheiten maschineller Übersetzungen: „Welche Teesorte magst du? Ich bin so fett.“ „Ihr drei seid hübsche Kerle.“ „Dieser Tee ist sehr gut und kann mehr als 20 Mal aufgebrüht werden. Je mehr Angst man hat, desto besser schmeckt er.“

Wir müssen die Teezeremonie schließlich abbrechen – Taos Mutter erwartet uns bereits zum Abendessen. Doch wir nehmen uns vor, am nächsten Tag zurückzukehren.

Im Regen erreichen wir das uns bekannte Wohnzimmer. Dieses Mal ist eine Freundin von Mama Yus Partner dabei: Schwester Gong. Sie tanzt im ü70-Minority-Tanzverein, der sich Kleidung und Tänze der 25 in Yunnan ansässigen anerkannten Minderheiten Chinas bedient um Shows zu veranstalten. Der Fortschritt des Baus einer Schnellzugtrasse von Kunming nach Lhasa, die die Fahrtzeit von 2,5 Tagen auf 12 Stunden verkürzen wird, wird gefeiert. Damit rückt Tibet ein Stück näher an China. Aber dazu mehr an einem anderen Tag. Der Partner von Mama Yu will uns sein neues Photoshop-Applet präsentieren. In den Fotos erscheinen wir als weiße, glatte Puppen, die wir schon aus Werbeplakaten kennen. Schon stehen auf dem Tisch: in Knoblauch eingekochte, erstaunlich floral schmeckende Taroblüten, dazu die gleichen Garnelen und das Ragout wie am Vortag. Außerdem ein halbes Kilo Stinky Tofu („it’s the best kind“), riesige Bohnen, ein Süßkartoffelnudelsalat mit frischem Koriander und einem Schuss Sichuanpfefferöl sowie ein Spinat-Tomaten-Mix.

Ein Angsthase sitzt mit am Tisch und gibt eine Magenverstimmung vor, um dem Mahl zu entkommen. So bleibt es an David und Rafa, wie zwei hungrige Löwen die Schüsseln zu leeren – während die älteren chinesischen Damen neben ihnen eher Anhänger der Kate-Moss-Diät sind.

Das sei zum Stinky Tofu noch gesagt: eine Delikatesse Chinas, die – wie der Name schon verrät – ganz schön übel riecht. Sehr gerne wird diese Speise auf der Straße verkauft, was uns einen regelmäßigen Gestank das erste Mal erklärt. Angeblich entstand Stinky Tofu zu Zeiten der Qing-Dynastie, als der Gelehrte Wang Zhihe nach einer fehlgeschlagenen Beamtenprüfung anfing, Tofu zu verkaufen. Eines Tages soll er einfach viel zu viel Tofu gehabt haben und lagerte einiges in Tongefäßen ein. Nach einigen Tagen stank der Tofu immens, der Geschmack gefiel aber nicht nur ihm, sondern auch den Massen. Mittlerweile wird der Tofu mehrere Monate in einer Gewürzlake fermentiert. Dabei entsteht essbarer Schimmel, weshalb der Vergleich mit Käse naheliegt. Geschmacklich wartet auf uns aber bloß eine weiche, schleimige Konsistenz mit schimmelig, leicht fäkalem Geschmack, neben dem allenfalls noch eine winzige Note nussig-bitterem Aroma zu erkennen sein könnte. Kein Wunder, denn eine chemische Analyse ergab, dass 39 Stoffe zum Geruch und Geschmack des Tofus beitragen. Der Hauptstoff von Stinky Tofu ist Indol, das einen starken fäkalen Odor aufweist.

Tag 15

Heute ist unser letzter Tag in Kunming. Früh am Morgen steigen wir in ein DiDi, das uns nach Shilin bringen soll – zum berühmten Stone Forest. Die einstündige Fahrt wird allerdings zur Nervenprobe: Der Fahrer halb schlaftrunken, ständig am Handy, die Rückkopplung auf maximaler Stufe und ohne jeden Anschein von ABS rattert der Wagen über die Autobahn. Am Ende fordert er noch die doppelte Mautgebühr – ein Trick, der in China jedoch nicht zieht.

Vor dem Parkeingang wartet die nächste Entscheidung: Noch 2,5 Kilometer bis zum eigentlichen Beginn der Attraktion. Ein Shuttlebus steht bereit. Doch Toni winkt sofort ab – ein klares Nein. Also machen wir uns zu Fuß auf den Weg, stapfen eine gute halbe Stunde durch die schwüle Morgenluft, bis sich schließlich die Landschaft vor uns öffnet.

Ein See liegt da, dicht übersät mit Lotus. Wir überqueren das Wasser auf einer weißen Brücke, und plötzlich ragen sie auf: die ersten steinernen Pfeiler, grau und bizarr, wie versteinertes Leben. Wir verlassen den Hauptweg, steigen über eine kleine Treppe zu einem Aussichtspavillon empor, von dem aus sich der Blick in eine andere Welt auftut – wahrlich ein Wald aus Stein.

So eine Karstlandschaften wie diese ist eine Geländeform, die überwiegend in Karbonatgesteinen entstehen. Die klassische Karstforschung entwickelte sich im Raum der K. u. K. Monarchie und im damaligen Jugoslawien. Eine zentrale Rolle spielte der serbische Geograph Jovan Cvijić, der 1898 mit seiner Arbeit „Das Karstphänomen: Versuch einer morphologischen Monographie“ erstmals eine umfassende Darstellung der Karstformen in systematischer Gesamtschau vorlegte. Seitdem unterscheidet die Geomorphologie verschiedene Karsttypen: so auch tropische Sonderformen wie der Pinnacle-Karst. Letzterer zeigt sich in Südchina im Shilin Stone Forest nahe Kunming, wo senkrecht aufragende Kalktürme eine fast surreal wirkende Steinlandschaft formen. Geologische Forschungen zeigten, dass das Gebiet des heutigen Shilin vor rund 270 Millionen Jahren ein flaches Meer war. Während des Perms lagerten sich zunächst Sandsteine ab, die später von mächtigen Kalksteinbänken überdeckt wurden. Mit der Hebung des Beckens wurden diese Kalksteine der Verwitterung ausgesetzt. Über Jahrmillionen modellierten Wind und fließendes Wasser die Gesteinsmassen zu den heute sichtbaren Kalkrücken und Felssäulen, die sich wie ein Wald aus Stein bis zum Horizont erstrecken. Die Genese dieser Landschaft beruht auf einem Zusammenspiel von unterirdischer Korrosion – sogenannter subjizenter oder cryptokarst – sowie späterer direkter Verwitterung durch Regenwasser. Zunächst bildeten sich unter den Deckschichten glatte Karstformen, ehe atmosphärische Lösungsvorgänge die charakteristischen Karren, Flutformen und scharfkantigen Rillen ausformten. So entstehen die bizarren Kalknadeln und Felstürme, das Ergebnis einer fortgesetzten intensiven Lösungsverwitterung im feuchtwarmen Klima, kombiniert mit der tektonischen Zergliederung des ostyunnanischen Kalkplateaus. (Karst in China, M.M.Sweeting)

Wir durchkämmen noch eine Weile diesen seltsamen Wald, quetschen uns durch Felsspalten, vorbei an etlichen Seidenspinnen (Nephila pilipes pilipes), die mit ihrem langen Garn die Karstkolosse umweben. Fischer nutzen diese widerstandsfähige Seide für den Fang kleinerer Fische, indem sie die Spinnen bis zu zwei Meter große Netze auf Bambusvorrichtungen spinnen lassen.

Auf dem Rückweg nehmen wir eine kleine Abkürzung durch ein offenes Törchen, vorbei an einer längeren Warteschlange, und mischen uns dann unauffällig unter eine Gruppe, die gerade den Shuttlebus besteigt. So erreichen wir, nicht ganz ordnungsgemäß, aber zeitnah, den DiDi, der uns diesmal unbeschadet bei unserem Hamburger-Hamburgerladen entlässt.

Stattliche sechs Burger später befinden wir uns wieder im bunt ornamentierten Innenhof des Huguo-Antiquitätenpalasts. Rafa lernt ein paar neue Tricks der hiesigen Händler kennen: Nachdem er schon die 200 ¥ (umgerechnet 24 €) für ein Paar, auch ohne Zertifikat offensichtlich originaler, Ming-Becher überwiesen hat, heißt es prompt, die Rede sei von US-Dollar gewesen. Etwas starr aufgerissene Augen und eine aufgeplusterte Brust seitens des Hünen aus dem Schwabenland genügen, um den Laden mit vollständiger Restitution und versöhnendem Handschlag zu verlassen.

Während Toni im Innenhof auf wechselnden Händlerstühlen sein Laktosekoma ausschläft, wagt sich David an ein heikles Geschäft: Eine Song-zeitliche Vase ist, mit den Worten „I can make you a friendly discount, handsome“, im Nu von 1000 ¥ auf 300 ¥ heruntergehandelt. Vielleicht immer noch etwas zu teuer dafür, dass das Schmuckstück zu dick, zu frisch und zu blass ist, um den Händen eines mindestens 800 Jahre lang verstorbenen Meisters zu entstammen.

Den Höhepunkt unseres Dreiakters bildet allerdings die Begegnung mit China Jones, einer erhabenen Persönlichkeit, die lässig auf einem Hocker in der Ecke seiner verstaubten Rumpelkammer sitzt, wie auf einem Schatz. Wallendes langes Haar, 60er-Jahre-Brille, aufgeknöpftes kakifarbenes Hemd, Tai-Chi-Schuhe, Ringe und Armreifen köstlichster Varietät. Abgerundet wird der Abenteurer von einer faustgroßen Jadegürtelschnalle auf einem Goldverschluss. „Ming-Dynastie“, antwortet er uns grinsend auf unsere Nachfrage. „Han… Song… Jin…“, fährt er weiter fort, seine Finger und Arme entlang deutend.

Das ganze Inventar ist minutiös beschriftet: 1800 Jahre alte Shang-Bronzen, ein tang-zeitliches Gemälde des blauen Samantabhadra im Vollzug kultischer Praxis, Ming-Vasen und scheinbar jedes Prestigeobjekt der Nationalgalerie. Als wir ihn fragen, ob er noch so eine großartige Gürtelschnalle habe, beginnt er im Schutt hinter seinem Hocker zu graben, buddelt schließlich eine feingearbeitete Holzkiste hervor und breitet triumphierend etwa zehn weiße Jadeversatzstücke eines Han-zeitlichen Gürtels auf der Vitrine aus. Uns fällt die Kinnlade herunter, und wir gewinnen sie gerade noch wieder, um den Preis dieser so schlecht geschützten Rarität zu erbitten. Wir reichen ihm den Taschenrechner, und die glänzende Erscheinung tippt locker lachend sieben Zweien hintereinander. Wir gestehen das Schachmatt, ziehen den Hut und verlassen bester Laune den Raritätentempel.

Letzte Station vor der Abfahrt ist noch einmal die Tangzi-Alley, in der wir wieder die Gastgeber unseres gestrigen Teeplausches aufsuchen.4 Heute ist der unterhaltsame „Bruder“ – was wohl auch für Ehemann stehen kann – nicht da. Dafür freut sich das Frauchen umso mehr, die für den Rest der Teesitzung in ein stereotypes Kichern verfällt. Wir probieren uns durch einen Grüntee, der mit Jasminblüten angereichert ist. Wunderbar florale Aromen neben dem herben Heu. Dann wird noch ein weißer Tee serviert. Jetzt ist die Blume endgültig gesprossen und entfaltet sich mit jeder Tasse zu einer zarten Honigblüte. Der adstringierende Mundbelag des Vorgängers wird von einer saftigen Wiese abgelöst. Die Honignoten sind täuschend echt. Doch eigentlich haben wir es auf den Pu’er abgesehen, den wir vorrangig in kleinen bunten Bällchen mit Siegel vorfinden – „Dragon Balls“, wie sie der Übersetzer später taufen wird:

„Dies ist ein Titel, bei dem jeder Drachenball und das Gewicht handgefertigt sind. Nachdem das Lakritz durch die Kampfaufzeichnung aufgewärmt wurde, wird es einzeln von Hand hergestellt.“ „Der große Bruder hatte gestern etwas zu tun. Hast du? Warum engagiert sich Katar sozial? Er sollte heute Abend vorbeikommen und euch auf ein Bier einladen. Es ist okay, rufen Sie später noch einmal an und ich lade Sie mit einigen Spezialitäten aus Yunnan ein.“ „Da dies eine Möglichkeit ist, den durch Missbrauch verursachten Stress abzubauen, müssen wir ihm etwas Zeit geben, damit seine Schwester das Buch lesen kann.“ „Dabei handelt es sich um das Material der uralten Bäume, die im ersten Dorf gesammelt wurden. Damit lassen sich mehr als 20 Säcke füllen.“ „Ah, Sie sind meine wertvollen ausländischen Freunde. Ich möchte dieses alte Buch in mich aufnehmen, bevor ich es Ihnen gestatte.“ „Ich denke, die Präsentation des Kuchens ist 2021.“

Raus aus dem Teehaus, rein in den DiDi, schnell zu Tao Yu, dem überraschend eleganten Portier. Er nimmt uns die Koffer ab – und wir sitzen auch schon im Zug. Naja, wir liegen wohl eher, denn um 10 € zu sparen fahren wir gerne sieben Stunden Nachtzug statt zwei Stunden Highspeed-Train. Das heißt Holzklasse: Dreier-Stapelbetten ohne Sichtschutz, die schmalen Gänge sind rappelvoll. Geschäftiges Nachtleben.

Und auch im Nachtzug bemerken wir wieder, was für eine Helikoptermutter der chinesische Staatsapparat ist. Eine Gruppe von Beamten mit kleinen Tatütata-Leuchtsirenen an den Schulterklappen patrouilliert alle paar Minuten durch die Gänge, zieht brüsk die Vorhänge zu, weil jetzt Heia-Zeit ist, und belehrt die jungen Männer, die wie Tarzan auf der Gepäckhalterung lungern, über die Risiken solcher Annehmlichkeiten.

Als wir einen Gummitürstopper von einer Wagontür entfernen, um die eindringende Pestilenz aus dem benachbarten Abteil auszuschließen, werden wir auf die Warnbeschilderung hingewiesen, die eindeutig aufzeigt, dass große Gefahr besteht, sich die Finger einzuklemmen, wenn die Türen bedient werden können: „Very dangerous!“.

Hoch auf die Bretter, nächtliches Rollen auf eigene Gefahr – und gute Nacht.


  1. Sichuan und Yunnan gelten als die frühesten Teeanbaugebiete der Welt. Tibet, das an Sichuan und Yunnan grenzt, hat seit Langem eine starke Nachfrage nach Tee. Während der tibetischen Monarchie existierte das Ethos des Teetrinkens bereits unter den Adligen. Pu-Erh wird in Yunnan überwiegend in den südlichen tropischen Regionen angebaut und ist das Produkt einer der Assam-Variante der Teepflanze. Tee wird in Yunnan entweder von wild wachsenden Teepflanzen gewonnen, in Agrarwäldern oder Mischkulturen, oder aber in Monokultur in Teeplantagen angebaut. Teepflanzen in Agrarwäldern wachsen als meterhohe Bäume und werden durch klettern geerntet. Nach der Ernte werden die Blätter für Pu-erh im Gegensatz zum schwarzen Tee nur leicht oxidiert, anschließend getrocknet und entweder roh gelagert (sheng) oder durch ein spezielles Fermentation gereift (shou). Was früher noch Jahre gebraucht hat wird seit den 70ern durch neue Methoden beschleunigt. Dabei werden die Teeblätter angefeuchtet, in Haufen von 30–60 cm aufgeschichtet und mehrere Wochen lang bei kontrollierter Temperatur (ca. 50–60 °C) und Feuchtigkeit fermentiert. Der Tee wird oft zu Kuchen (bingcha) oder Ziegeln gepresst, was den Transport erleichtert und die Reifung beeinflusst. Pu-Erh wird in Yunnan überwiegend in den südlichen tropischen Regionen angebaut und ist das Produkt einer der Assam-Variante der Teepflanze. Tee wird in Yunnan entweder von wild wachsenden Teepflanzen gewonnen, in Agrarwäldern oder Mischkulturen, oder aber in Monokultur in Teeplantagen angebaut. Teepflanzen in Agrarwäldern wachsen als meterhohe Bäume und werden durch klettern geerntet. Nach der Ernte werden die Blätter für Pu-erh im Gegensatz zum schwarzen Tee nur leicht oxidiert, anschließend getrocknet und entweder roh gelagert (sheng) oder durch ein spezielles Fermentation gereift (shou). Was früher noch Jahre gebraucht hat wird seit den 70ern durch neue Methoden beschleunigt. Dabei werden die Teeblätter angefeuchtet, in Haufen von 30–60 cm aufgeschichtet und mehrere Wochen lang bei kontrollierter Temperatur (ca. 50–60 °C) und Feuchtigkeit fermentiert. Der Tee wird oft zu Kuchen (bingcha) oder Ziegeln gepresst, was den Transport erleichtert und die Reifung beeinflusst. ↩︎

  2. Der chinesische Topstar ist nicht nur aufgrund seines Könnens, sondern auch aufgrund seiner disziplinierten Art abseits des Tisches äußerst beliebt in seinem Heimatland. Die Ticketpreise auf dem Zweitmarkt, den es sonst eigentlich nicht gibt, explodierten. Die Halle, in der David selbst schon war, und eher einer großen modernen Sporthalle gleicht, war rappelvoll. Dazu ist zu sagen, dass es nicht nur grundsätzlich schwer ist Chinesen in der Tischtennis Bundesliga zu verpflichten, da diese Einsätze auch immer mit dem chinesischen Verband abgesprochen werden müssen, sondern die Topspieler schon seit Jahrzehnten nicht mehr in Europa spielen wollen. Entscheidend für den Wechsel war wohl das Fan Zhendong sich 2024 aus dem Internationalen Tischtennis zurückzog um gegen ein definitiv unfaires System zu protestieren, dass Spielern Geld abverlangt, wenn sie Turniere nicht mitspielen wollen. Dabei war der 28 jährige zu dieser Zeit frisch gebackener Olympiasieger, der einzige Titel der ihm noch gefehlt hatte und 2 mal in Folge Weltmeister geworden. Der 1. FC Saarbrücken, der auch ohne den Topmann 3 mal in Folge die Champions League gewann, kann damit nun relativ sicher den Titel verteidigen und die Stadt Saarbrücken sich über einige Chinesische Touristen freuen. ↩︎

  3. Kaum eine chinesische Lehre war ähnlich vieldeutig und wandelbar wie der Daoismus. Unter seinem Etikett firmieren die kryptischen Weisheiten des Daode jing und die scharfsinnige Skepsis des Zhuangzi ebenso wie die politische Lehre des »Gelben Kaisers und Laozis« (Huang-Lao), der Kult der Langlebigkeit und eine Vielzahl esoterischer Praktiken der Lebensverlängerung, die sich am Hof der Han größter Beliebtheit erfreuten: alchimistische Rezepte, Atemkontrolle, Meditation, diätetische Regeln, Leibesübungen und sexuelle Techniken. „Wenn ein Mann ständig die Frauen wechselt, mit denen er schläft, wird ihm großes Wohlergehen zuteil. Wenn er in einer Nacht mit mehr als zehn Frauen schlafen kann, ist es zu seinem Besten.” (Fangnei ji) Aber Achtung: „Die Kunst des Schlafgemachs … besteht darin, dass der Mann seine Ejakulation unterdrückt, während er das Qi der Frau aufnimmt. Indem er bewirkt, dass sein Sperma zurückfließt und das Gehirn anreichert, kann er langes Leben erreichen.” (Hou Han shu 80B, Kommentar) Zweifellos spielten magische und makrobiotische Praktiken noch immer eine große Rolle, als Zhang Daoling 142 n. Chr. eine daoistische Kirche gründete. Damit wurde der Daoismus zur Religion und Laozi zum Gott. In wechselnden Manifestationen sei er schon immer da gewesen, allgegenwärtig und allmächtig, der Ursprung allen Lebens. Aus dem alten Mann, den es vielleicht niemals gegeben hat, war ein Gott geworden, den es immer schon gab und ohne den nichts wäre. Der Daoismus ist […] nicht von der chinesischen Kultur zu trennen, die er mehr als 2000 Jahre lang tief geprägt hat. Die traditionelle chinesische Medizin beruft sich bis heute auf den Esoterischen Leitfaden des Gelben Kaisers (Huangdi nei-jing), eine Schrift, die wohl auf Kreise daoistischer Heilkünstler zurückgeht. Daoistische Diätetik und Kräuterheilkunde haben das große pharmakologische Kompendium Bencao gangmu (16. Jahrhundert) angeregt, daoistische Alchimie und Naturbeobachtungen haben einen unermesslichen Beitrag zur Entwicklung chinesischer Naturwissenschaft und Technik geleistet. Kunst und Literatur empfingen reiche Inspiration vom Daoismus, und viele der größten Dichter, Maler und Kalligraphen hingen daoistischen Schulen an. (Vogelsang, Kai; Geschichte Chinas) ↩︎

  4. Es geht die Legende, dass Bodhidharma, der erste Patriarch der Chan-Schule in Chi-na, nachdem er jahrelang ununterbrochen gewacht und gebetet hatte, endlich von Müdigkeit übermannt wurde und eine ganz Nacht hindurch schlief. Als er erwachte, wurde er so zornig über seine trägen Augenlider, dass er sie abschnitt und zu Bodenwarf. - Und siehe da, wo sie hinfielen, wuchs ein Strauch, aus dessen Blättern sich ein äußerst anregendes Getränk kochen ließ, das die Müdigkeit vertrieb. Tatsächlich wurde der Teestrauch, Camellia sinensis, schon viel früher angebaut, erst in Sichuan, seit der Han-Zeit dann auch weiter östlich in China. Doch zunächst wurden seine Blätter nicht zum Getränk, sondern zu Arznei verarbeitet, zu Salbe etwa, die äußerlich angewendet wurde. Etwa im 4./ 5. Jahrhundert kam der Tee unter den Eliten Südchinas auch als Getränk auf: mit Ingwer, Orangenschalen, Pfefferminz und Zwiebeln gekocht zu einem Konkokt, das wenig mit unserem Tee gemein hatte. Im Norden hingegen wurde die neue Sitte belächelt, hier trank man vorzugsweise Milch. Weite Verbreitung erlangte der Tee erst in der Tang-Zeit. Von wandernden Chan-Mönchen, die seine stimulierende Wirkung bei der Meditation schätzten, wurde die Sitte nach Norden gebracht, wo auch Literaten die Vorzüge der»flüssigen Jade« entdeckten. „Tee! / Duftende Blätter, zarte Triebe, / Sehnsucht der Dichter, der Mönche Liebe, / Gemahlen wie weiße Jade, gesponnen wie rote Seide, / Im Kessel kochen gelbe Blüten, im Becher wirbeln Pulverblumen, / Er lädt, des Nachts den Mondschein zu begleiten, bei Dämmerung den Morgentau zu schaun, / Spült fort die Erschöpfung der Alten und Jungen, die er bis in den Rausch, / doch zum Unmaß nie triebe.“ (Yuan Zhen) Im 8. Jahrhundert wurde Tee zum Modegetränk der Tang- Elite, die einen regelrechten Kult um ihn betrieb. Die Teeläden Chang’ans florierten, Tee wurde zum begehrten Exportprodukt, er diente als Tributgeschenk und Ersatzwährung, und die Steuern auf den Teehandel wurden zu einer lukrativen Einnahmequelle für den Staat. Lu Yu (733-804) verfasste einen einflussreichen Tee-Leitfaden (Chajing), in dem er den Ursprung des Tees, seine Verarbeitung, das erforderliche Zubehör und die Zubereitung - man nehme Quellwasser aus den Bergen, nicht Brunnenwasser, und etwas Salz - akribisch beschrieb. In der Tang-Zeit wurden die unfermentierten Teeblätter zu »Ziegeln« gepresst, die dann mit einer Reibe wieder pulverisiert und gekocht wurden. In der Song-Zeit, als sich der Teegenuss über die Elite hinaus verbreitete, wurde Teepulver in heißem Wasser mit einem Rührbesen geschlagen (diese Zubereitung hat sich in der japanischen Teezeremonie erhalten). Erst seit der Ming-Zeit wurden Teeblätter gebrüht. (Vogelsang, Kai; Geschichte Chinas) ↩︎