10 Shangri La

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Tag 19

8:30 Uhr, Busbahnhof im Wolkenmeer. Der Bus, der uns zum Pudacuo National Park überführen soll, ist geisterhaft leer. Dennoch werden wir von unserem kleinen Tibeter ins Gefährt gescheucht und fahren los. Ein kurzer Zwischenstopp am Straßenrand beruhigt. Jetzt füllt sich der Bus mit overdresseden Wanderern, deren Ausrüstung eine Everest-Besteigung vermuten ließe. Plötzliches Rascheln eines Mikrofons, dann donnern die Ansagen los: Jetzt … jetzt sofort müssen die Tickets für die Rückfahrt erstanden werden! Dann legen wir ab, und der Vorhang einer albtraumhaften Peking-Oper-Tortur lüftet sich.

Goldener Siegelring an der Linken, Armband ohne Urwerk an der Rechten. Ein Meter sechzig pures Hochland-Testosteron mit der Vollmacht über ein übersteuerndes Lautsprecherarsenal. Ein letztes Räuspern, rasselndes Keuchen, Hochgurgeln letzter Spuckreste, und der Busfahrt-Agitator beginnt, die Fahrgemeinschaft für die nächsten 20 Minuten auf die 30-minütige Fahrt einzustimmen. Rasendes Brülltempo in ununterbrochenem Legato mit getakteten Antworten seitens des Sprechchors. Nach den ersten Höhenmetern vernehmen wir das Einsetzen des seichten Pfeifens der Sauerstoffflaschen unserer Gadget-Chinesen. Man erklärte uns, dass die Lord-Vader-Akustik auf einer Bemerkung des Imperators über das Höhenprofil beruht. Dann wieder ein endloser Schwall unintelligibler Informationen des artifiziell ermächtigten Krächze-Bergmanns. Verschwommen beschlagene Graslandschaften und felsige Schattenwürfe. Hoffentlich ephemere Tonkulisse …

Erschöpfte Ankunft am Nationalpark. Für umgerechnet etwa 16 € sind alle Shuttlebusse innerhalb der touristisch zugänglichen Kontrollzone inklusive.1 Das erste Shuttle führt uns durch schroffe Felskluften, entlang weiter Weiden, auf denen Yak-, Pferde- und Kuhherden grasen. Alantartige Blattbüschel entsprießen dem Boden wie Kohlrosen. Der Quercus semecarpifolia, eine buschige Eiche mit wächsernen, stachligen Blättern, scheint die Königin des Tals – sie begrenzt den Trampelweg links des plätschernden Shudugang, dem wir unter dem polarblauen Himmel etwa 2,2 km folgen. Am Rande des Pfades begegnen wir Sanddorn und Omei-Rosen, doch die Frühlingsfreude an Blütenteppichen bleibt uns jahreszeitlich bedingt leider verwehrt. Dafür erfreuen wir uns der borstigen kleinen „Tibet-Schweine“, die Städter kreischend um die Fichten jagen und ein unfreiwilliges Plastiktüten-Tauziehen an der Rasthütte veranstalten. Über einige niedliche Primeln – die zu den acht berühmten Blumen Yunnans gezählt werden – Trollblumen, Moorsteinbrech sowie vereinzelte Silberimmortellen stolpern wir trotzdem. Unser Weg kreuzt sich unglücklicherweise auch mit einem Macho von Silberketten-Gorilla, der mit lässigem Faustgruß eine spontane „Hitler, Hitler!“-Begrüßung seinem Mundwerk entfahren lässt. Toni pariert kurzerhand mit einem „Mao, Mao!“, und Fotos der Begleiterinnen mit den „cool guys“ werden verweigert. Der Weg endet an den Kaskaden des Shudugang-Wasserfall-Ensembles. Der bleierne Wasserrötel (Phoenicurus fuliginosus) misst hier auf einem Kieselplateau mit seinen Tippelschritten sein Herrschaftsgebiet und schwingt dabei seinen rostroten Schwanz wie einen Fächer auf und ab.

Die zweite Shuttlefahrt bringt uns zum Shudu-See, dem höchsten Yunnans auf 3.705 Metern. Die Beschallung fällt diesmal, dank einer liebreizenderen Damenstimme, etwas angenehmer aus. Den See umrundet man vollständig auf Holzstegen, was an völlig unnötiger Stelle einen herben chinesischen Beigeschmack hat. Wir überqueren Karpfen gesäumte Teiche, immer auf der Suche nach dem Exemplar mit weißer Bauchschuppung, die wohl dann sichtbar wird, wenn der seltene Fisch an einem Rhododendron vergeht und entrückt hochtreibt. Wir werden des Glückes zwar nicht hold, dafür entspringt eine wunderschöne Kohlmeisenvarietät vor uns einer hölzernen Milchkrug-Mülleimer-Konstruktion – vielleicht ist es die Königin unter den Meisen, Machlolophus spilonotus. Am Shudu selbst gibt es den viralen „Yak-Riding-Foto-Spot“, an dem man es sich auf einem weißen Yak bequem machen darf, der so brav Parade steht, dass ihm ein eiserner Ring durch die Nase gezogen worden ist und dieser an seinem Reitteppich festgezurrt wurde, sodass jede Bewegung Höllenschmerzen bedeuten muss. Beim Betrachten des uns umgebenden Nadelwalds fallen hellgrau-grüne Bärte auf, die wie Weihnachtsschmuck von den Ästen hängen. Die Bartflechte – Usnea longissima – ist eine Symbiose aus Pilz und Alge und Nahrungsquelle des Yunnan-Goldstumpfnasenaffen (Rhinopithecus bieti) – nach dem Menschen der am höchsten lebende Primat. Darüber hinaus wird die Bartflechte in der tibetischen und chinesischen Medizin sowie als Inhaltsstoff in Parfüms genutzt. Gleich neben der Königin des Shudu-Sees – der 32 Meter hohen Picea likiangensis – werden wir des nächsten Naturspektakels gewahr: winzige, flinke Streifenhörnchen wimmeln durch das Wurzelgeäder und lassen sich von einer leeren Hand zu kleinen Neckereien bewegen. Den raunenden Zuschauern wird unter ruppigen Armgesten und deutschen Beschwörungen das Futtern verboten. Nebst dem Nagerspektakel kommen auch die Meisenfreunde unter uns auf ihre Kosten, denn eine großartige Schwarzhaubenmeise (Periparus ater melanolophus) hüpft um uns herum und präsentiert ihren aufrechten Kamm.

Nach einigen Irrwegen gelingt es uns doch noch, den richtigen Shuttle zum Bita-See im Herzen des Pudacuo-Nationalparks zu erwischen. Auf der Fahrt schrecken wir einen Schopfhabicht (Accipiter trivirgatus) aus seinem Felsenhort. Der Bita-See ist einer Legende nach aus einem Stück Spiegel entstanden, das einer Göttin hinabfiel, als sie versuchte, den Himmel zu reparieren. Hier brechen wir aus der vorgegebenen Stegpromenade aus und schlagen uns links in die Büsche. Von einer Empore aus erspähen wir durch eine Kiefernrahmung eine Wildpferdherde, die sich am funkelnden Seeufer erfrischt. Unsere Erkundungen werden von einem gefallenen Baumkreuz unterbrochen. Als wir unsere Augen durch das Dickicht schweifen lassen, bemerken wir das verborgene Blau eines Sonnenschirms, unter dem ein Blauuniformierter in Bildschirmparalyse seiner Wächterfunktion nachgeht. Wir schleichen uns rückwärts zur Streichelzooroute zurück, um den Autoritäten zu entgehen.

Die grauenhafte Rückfahrt mit unserem Auktionator und scheinbar auch Trockenfleischerzeuger nötigt einen Exkurs zur Lautstärke in China. Es ist das unnötigerweise lauteste Land der Welt. Kein nennenswerter Straßen- oder Baulärm dank technologischer Pionierarbeit, dafür aber willkürlich-orgiastische Ansage-Exzesse. Auch jenseits der Bus-Marter findet sich Beschallung. Die Tourguides zerfetzen die Höhenluft mit Headset-Bemerkungen zur Hochlandweide. In China ist aber auch jeder Bahnhof Anlass für ein Klanginferno: mindestens fünf Marktschreier verkünden Verheißungen bezüglich des Übertreten der gelben Linie durch ihre Megafone, die Passkontrollgeräte vor Gleiseingängen erklingen im schrillen Tinnitus-Pfiff bei jeder erfolgreichen Erkennung, im Zug wird man von Stewardess-Imitaten lautstark zum Konsum limitierter Premiumknabbereien ermutigt, fünf Minuten vor Ankunft an jeder beliebigen Kaff-Station ertönt eine Klavier-Titelmusik plus Dankbarkeitsbezeugungen, so lange, bis man bei der nächsten Station ist. Jeder mühsame Pedaltritt einer Müllrikscha-Fahrerin in Weishan wird von einer zwei Oktaven höheren Happy-Birthday-Melodie begleitet. Megafone werden hier von den Ordnungsbehörden an jeder Kreuzung, Gasse oder an öffentlichen Eingängen einfach abgelegt, damit Durchsagen auf Dauerschleife erklingen können. Die Chinesen selbst genießen es, auf hoher Lautstärke ihre hirnverbrannten Shorts zu ballern oder ihrem Nachbarn in die Kombüse zu brüllen.

Man kann hier verdammt noch mal keinen klaren Gedanken fassen.

Zurück in Xianggelila durchforsten wir die Altstadt nach etwas Essbarem. Wie ein Engel aus all dem Schmutz strahlt uns die magere Beleuchtung von Yi’s Inn an, einem Hostel mit wunderbaren tibetischen Inhabern. Die gebratenen Nudeln mit Yak oder vegetarisch sind simpel und köstlich und werden gleich nachbestellt. Dann hören wir das rollende Röhren eines Kehlkopfgebets sich uns von hinten nähern. Nach hinten gekämmte, fettige dunkle Locken, sonnengegerbte Haut, ein charmant hervortretender Unterbiss. Tenzin beendet sein Gebet in einem Sessel links neben unserem Tisch. Er spricht sehr gutes Englisch. Der Vater war Karawanenhändler, der Familie der Mutter gehörte das Haus, in dessen Innenhof wir gerade sitzen. Im Zimmer die Treppe hoch wurde Tenzin geboren. Mit vier Jahren wurden er und sein kleiner Bruder in die Obhut seines Onkels gegeben, der sich die Kleinen umband und mit ihnen über das Himalaya-Gebirge nach Indien ritt. Dort erhielten sie die ersehnte RC (Refugee Card), womit sie nach Bhutan einwandern konnten. Tenzin nutzte die Karte, erwarb einen Abschluss an einer UN-Schule, um damit ein Kunststudium in Neu-Delhi zu bestreiten. Seine Betreuer bei der UN verschafften ihm auch die Möglichkeit, in Zürich zu studieren, wobei er die Stadt nur die letzten zwei Stunden vor seinem Rückflug zu sehen bekam, da der Aufenthalt unter den Augen der Förderer nur Studium vorsah. Tenzin kehrte schließlich in sein besetztes Land zurück; seinem Bruder, der zu der Zeit in Belgien weilte, empfahl er, in Europa zu bleiben. Heute lebt er in Ludwigsburg, Heimat des Kürbisfests. Wieso Tenzin zurückgekehrt ist? Um seine Mutter zu pflegen, und außerdem handelt es sich ja hier um SEINE Heimat. Sieben Jahre hat er an der Chengdu-Universität gelehrt, dann durfte er nicht mehr … „Art doesn’t work here. It has societal and political implications …“ Er lacht. Wir sind erstaunt – so etwas hört man hier nicht. Wir tasten uns weiter vor, er gesteht: „When something happens up here, they come knocking … see if I have something to do with it.“ David setzt zu einer Frage zum Tibet-Cosplay an, doch wird unterbrochen: „The walls have ears.“ Wir schweigen eine Weile, dann erledigt sich das Missverständnis, als Rafa die Frage ausformulieren kann. Ein erschöpftes Kopfschütteln, auch ihn bringt die chinesische Aneignung traditioneller Kleidung zum Kochen: „It all started after a TikTok went viral, where they copied that one movie" – er meint 7 Jahre in Tibet - „Now, all the actors just ask for roles in tibetan movies, but what are they supposed to be?! Tibetans? Mongolians? Qinghai? Turks? And the make-up?! What is that about? … If they would try to get the traditional dresses right, I would be fine with it. I might even give them some tips. But like that?!“ Die Regierung hat „Shangri-La“ als riesigen Streichelzoo konzipiert, eine gelungene Expansion, die es Han-Chinesen erlaubt, lustige Tänzchen zu choreografieren und Schnappschüsse in Tibeter-Travestie vor „traditioneller“ Kulisse für die Online-Szenerie zu schießen. Die ganze Stadt ist von den ekelhaften Phantasiekostümen bevölkert, die man an jeder Ecke für die Fotosafari ausleihen kann. Über diesen Anbietern, aber auch über Stinklokalen, leuchten Fotokollagen der immer gleichen Karikatur einer Frau – weiß geschminkt, große Augen, Makel ausradiert – oder ihrer Barbie-Traumfamilie, beladen mit Pelz und Plastikschmuck. Man fragt sich: Ist es pure Ignoranz, konsumistische Verblendung oder bloß der Hohn der Sieger? Shangri-La: das irdische Paradies des Friedens und der Harmonie.

„Travestierter Genosse vor Fleischauslagen, Frohsinn über Expansionen beim Fressgelage. Brennende Tafeln, erleuchtete Reklamen, mauerne Ohren in der letzten Enklave.

Zerstörte Landschaft vor Tempelvisage,

synthetische Klage der Agitatoransage.

Rußene Wolken durchkämmen den Bergfried,

goldene Segel erfüllen den Endsieg.“

(Anonym, Verlorener Horizont)

Aber mehr dazu morgen. Heute gibt es noch etwas Erfreuliches zu erzählen. Denn auch Macondo ist Name eines fiktionalen Ortes, der dem Geiste eines Literaten entsprungen ist – dem des Gabriel García Márquez. Der Lesekreis Tonis, den er mit seiner Toscha und seiner Freundin Amelie unterhält, trägt den Namen Macondo-Kreis, aufgrund der gemeinsamen Lektüre der 100 Jahre Einsamkeit. Und so erfreut es uns über alle Maßen, eine Bar auszumachen, die wie folgt um sich wirbt: „Macondo Bar. Salute loneliness, modernism and Márquez“. Wir folgen dem Aufruf und entrinnen der einsamen Scheinlandschaft. Über der Bar hängt ein Aktportrait, das John Lennon und Yoko Ono in Löffelchenposition schmusend zeigt. Im Bücherregal gesellt sich Pessoa, Tarkowski und Klimt. Der Anblick hebt das schwere Herz. Die Live-Musik wundervoll vorgetragen, obzwar ohrenbetäubend laut. Der günstigste Hausbrand, eine Art brotiger Grappa, in einem Väschen serviert, besänftigt jedoch die Trommelfelle. Louis Armstrong, Leonard Cohen und Bob Dylan, immer wieder mit chinesischen Intermezzi. Warmes Licht tiefhängender Lampenschirme, bläuliche Qualmarabesken. Es fällt noch ein paar Mal der Name Descartes, Kant, Hegel, Heidegger, Plessner … die Privatgelehrten versickern langsam in die Sessel und entschwinden schließlich in die wohlig kühle Nacht.

Tag 20

Ein Einheimischer fragt, ob wir Lust hätten, auf Weiden auszureiten. Dafür wird aber leider die Zeit nicht reichen – auch wenn es perfekt zu unserem, parallel zur Tee-Pferde-Straße verlaufenden Reiseverlauf passen würde 2.

Am Bahnhof braucht es eine Weile, bis die Dame am Schalter die ganze Reiseroute mit entsprechender Schlafwagenbettwahl eingetippt hat. Ungeduldig drängt ein Mönch von links – er wird seinen Zug verpassen. Ein weiterer wedelt mit einem Beleg, drängt sich vor uns und legt ihn der Dame vor die Tastatur. Daraufhin wird er von Rafa ans hintere Ende der Schlange verwiesen. Alle Tickets sind gebucht, die Plätze sicher.

Wir fahren weiter zur Hauptattraktion der Stadt: das Songzanlin-Kloster. Typisch chinesisch befindet sich der Eingang mehrere Kilometer von der Attraktion entfernt. Wir vermuten eine Arbeitsbeschaffungsmethode, um den Shuttleservice miteinzubeziehen. Wir verzichten und laufen die Bauhölle von Straße entlang. Wir schlagen links ein auf einen Trampelpfad hinauf auf einen Hügel, der bessere Aussichten verspricht. Direkt gegenüber, hinter einem See, liegt das golden leuchtende Songzanlin-Kloster. Beim Hinüberlaufen vernehmen wir einen starken Cannabisgeruch, und tatsächlich wuchern direkt am Straßenrand mehrere Dutzend Cannabisbüsche 3.

Das Eingangstor liegt am Fuß des Hügels; von dort laufen wir 146 Stufen hinauf auf einen Vorplatz. Auf halbem Weg: eine Schreckensgestalt. Ein würstchenbratender Mönch, der mit all seinem Sein in die Kurzvideos seiner LCD-Tafel versunken ist. Smartwatch, um den Puls beim Tempeltreppensteigen zu messen, Adidas-Imitate, um die Förderung junger Talente in Bangladesch zu unterstützen. Ein Widerling. Weiter vorne sitzen Glaubensgenossen, die sich Romcom-Softpornos auf ihren Gebetsgeräten reindrücken, während sie im Begriff sind, als Schmuck-Schwurbler reinkarniert zu werden.

Der Bau des Klosters begann 1679 und wurde 1681 vollendet. Der Fünfte Dalai Lama bestimmte den Standort durch Wahrsagung. Errichtet wurde es während der Herrschaft des Kangxi-Kaisers der Qing-Dynastie, der den Aufbau des Klosters vollständig förderte. Es heißt zudem, der Kaiser sei in die Suche nach der Reinkarnation des Siebten Dalai Lama einbezogen gewesen 4.

In den 1930er-Jahren unterstützte das Kloster den kommunistischen General He Long, der auf seinem Feldzug durch diese Region zog. Während der Kulturrevolution erlitt die Anlage schwere Schäden, wurde jedoch 1983 wiederaufgebaut. In seiner Blütezeit bot das Kloster Unterkunft für 2.000 Mönche; heute beherbergt es in den wiedererrichteten Gebäuden rund 700 Mönche in 200 angeschlossenen Häusern.

Die Architektur des Songzanlin-Klosters ist eine Verbindung tibetischer und han-chinesischer Baukunst. Das Kloster hat zwei große Lamasereien – Zhacang und Jikang – sowie mehrere kleinere. Die Hauptgebäude tragen im tibetischen Stil ein vergoldetes Kupferdach. Die übrigen Gebäude der Anlage sind im han-chinesischen Stil erbaut.

Wir treten in die Haupthalle. Reich ausgeschmückt: farbig bemalte Zentralpfeiler mit Kupferbeschlägen und detailreichen Fresken, unzählige Buddhafiguren, deren Sockel mit 1-Yuan-Noten geschmückt sind, die Maos Antlitz tragen. Wir wechseln ein paar Cent gegen ein paar schmucke bunte Mao-Moneten, um uns einen stabilen Wechselkurs im Nirvana zu sichern. Damit die Transaktion auch sauber in den Büchern geführt wird, rechnen wir sie den Kameras vor. Hinter dickem Glas leuchten zweistöckige vergoldete Altarnischen. Mittig ein vergoldetes Standbild des Shakyamuni-Buddha mit einer Höhe von acht Metern. Ein ästhetischer Zugang zur buddhistischen Ikonographie hält sich in Grenzen. Der Altar ist dauerhaft von Yakbutterlampen erleuchtet. Safranwasser wird in stählerne Schalen ein- und ausgegossen. Zunächst dachten wir, es handle sich um Rapsöl, was vor dem Hintergrund des kulinarischen Feinsinns der Chinesen nicht verwunderlich wäre, doch sobald sich der Umfüll-Mönch umdreht, testet Rafa das Gebräu mit ein paar Tropfen Wasser und schließt hydrophobe Substanz aus. Massive Holzsäulen mit Kupferstichen tragen die Decke, während farbenprächtige Draperien die Wände beleben. Gebetsfahnen flattern. Wir drehen kupferne Gebetsmühlen. Während Tibet-Cosplay-Chines*innen sich in allen Winkeln ablichten lassen, vernehmen wir in anderen Hallen Gyuke (tibetisch-buddhistischen Kehlkopfgesang), Rezitationen der Sutren. Vor uns erstrecken sich Hieronymus-Bosch-artige Höllenszenen – Abbildungen des Naraka, einem Zwischenstopp im Samsara, dem ewigen Zyklus des Seins. Dämonische Fabelwesen mit Long-förmigen Yakköpfen, behangen mit Menschenkopfketten, knien mit erigierten Penissen auf den brechenden Rückrädern stöhnender Yak-Kreaturen, die dabei sind, männliche Figuren zu vergewaltigen. In einem anliegenden Aufenthaltsraum essen Mönche fleischlastige Eintöpfe. Das ist für uns der Kipppunkt, und wir sind dabei, ihnen jegliches Mönchtum streitig zu machen, als wir herausfinden, dass die Pfaffen lediglich dreifach reines Fleisch verzehren, was sie dürfen, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind: Der Mönch sah die Schlachtung nicht, hörte sie nicht und hat keinen Grund anzunehmen, dass das Tier speziell seinetwegen getötet wurde. Wir verlassen den tibetischen Disneypark.

Nach dem Spaziergang zurück entscheiden wir uns dafür, wieder bei Tenzin einzukehren. Er erklärt Rafa den tibetischen Schmuck, den er mit seinen Brüdern auf Reisen aus ganz Tibet mitbrachte. Amber, Jade, verzierte Ketten mit neunäugiger Dzi-Perle. Auch er trägt solch eine – als Familienerbstück.

Es liegen 1.800 km bzw. 17,5 Stunden Zugfahrt vor uns. Wir tuckern im räuchernden Schweinebauch in den neuen Tag.


  1. Naturschutz in der Volksrepublik (VR) China gewann in den 2000er-Jahren durch politische Zielsetzungen, ein wachsendes Umweltbewusstsein und zivilgesellschaftliches Engagement an Bedeutung, nachdem Naturschutzbelange bis in die 1990er-Jahre ein Schattendasein führten. Eine Schätzung aus dem Jahr 2019 geht von mehr als 12.000 Schutzgebieten aus, die ca. 18 % der Landesfläche bedecken, wenn alle Kategorien zusammengenommen werden (Ma et al. 2019). Die wichtigste Schutzgebietskategorie in China war und ist immer noch das Naturschutzgebiet (自然保护区). Eine große Zahl der Naturschutzgebiete ähnelt jedoch eher den Nationalparken in Deutschland hinsichtlich ihrer Größe. Dennoch soll hier der Begriff Naturschutzgebiet für diese Gebiete in China genutzt werden, weil es der Übersetzung des chinesischen Begriffs am nächsten kommt. Die unübersichtliche Schutzgebietsstruktur und Schutzgebietsverwaltung veranlasste die Regierung im Jahr 2013, eine Restrukturierung des Schutzgebietssystems in China anzustoßen mit nur drei Schutzgebietskategorien: Nationalpark, Naturschutzgebiet und Naturpark. Die Naturschutzgebiete werden im Wesentlichen weitergeführt. Naturparks sind Schutzgebiete mit geringerem Schutzstatus und touristischer Bedeutung. Die wesentliche Neuerung liegt in den Nationalparks, auf denen auch zunächst der Fokus der Restrukturierung liegt. Bei der Gründung des Pilot-Nationalparks Shangri-La Pudacuo wurden Gebiete unter Schutz gestellt, die bisher nicht Teil eines Schutzgebietes gewesen waren. Heute erstreckt er sich auf 60200 ha auf 3500m bis 4159 m Höhe. Für den Nationalpark ist eine Zonierung in Kern und Kontrollzone vorgesehen, mit der Kernzone für strengen Schutz und Ausschluss anthropogener Aktivitäten und der Kontrollzone, in der verschiedene Nut- zungen und Aktivitäten möglich sind. Die Kontrollzone soll vom Grad der anthropogenen Aktivitäten den Pufferzonen der früheren Naturschutzgebiete bzw. Biosphärenreservaten entsprechen (Wang et al. 2021). (China Geographien einer Weltmacht, Sina Hardaker, Peter Dannenberg (Hrsg.)) ↩︎

  2. Die Tee-Pferde-Straße ist ein altes chinesisches Handelsstraßennetz, das sich zwischen den Hengduan-Bergen im Südwesten Chinas und dem Qinghai-Tibet- Plateau befindet. Sie war ursprünglich ein regionales Netzwerk für Austausch und Handel, welches vom Volk gebildet und von diesem selbst unterhalten wurde. Sie umfasst unzählige Nebenstrecken, die Berge und Flüsse überqueren und miteinander verbinden (Yang et al. 2021). Während der tibetischen Monarchie existierte das Ethos des Teetrinkens bereits unter den Adligen. Gleichzeitig brauchte die Zentralregierung gute Pferde in den tibetischen Gebieten als Notwendigkeiten für militärische Aktivitäten, darüber hinaus benötigten die Menschen Pferde als Werkzeug für die landwirtschaftliche Produktion und den Transport. Basierend auf der komplementären Nachfrage entwickelte sich der Tee-Pferde-Handel zwischen Han und Tibet schnell und wurde zur kommerziellen Säule, die die Tee-Pferde-Straße in Südwestchina dominierte. Auf der Tee-Pferde-Straße ist der Warentransport auf Träger und Karawanen (Maultiere, Pferde, Yaks) angewiesen (Lu et al. 2016). Von der Antike bis zur Gegenwart war die Tee-Pferde-Straße immer ein wichtiger Kanal für den wirtschaftlichen und kulturellen Austausch zwischen Han-Gebieten und Minderheitengebieten im Südwesten Chinas (Forbes und Henley 2011). Nachdem sie das tibetische Gebiet erreicht hatte, erstreckte sich die Tee-Pferde-Straße weiter nach Westen und Süden und führte zu süd- und südostasiatischen Ländern wie Indien und Myanmar (McKillop 2012). Der Status und die Funktion der Tee-Pferde-Straße ähneln denen der Seidenstraße, haben jedoch in Gesellschaft und Wissenschaft nicht die gleiche Anerkennung erfahren. (China Geographien einer Weltmacht, Sina Hardaker, Peter Dannenberg (Hrsg.)) ↩︎

  3. In Tibet und der chinesischen Provinz Yunnan wächst Cannabis zwar auch heute noch wild, doch ist der Umgang damit streng gesetzlich geregelt. Nach chinesischem BTM-Gesetz ist der Besitz, Konsum, Anbau oder Handel von Cannabis in jeglicher Form verboten. Bereits geringe Mengen können zu Freiheitsstrafen führen und beim Handel oder Schmuggel drohen langjährige Haftstrafen bis hin zur lebenslangen Freiheitsstrafe. In besonders schweren Fällen – etwa bei großen Mengen oder internationalem Drogenhandel – sieht das chinesische Strafrecht sogar die Todesstrafe vor. ↩︎

  4. In Xiangelila drängt sich nunmehr auch direkt die T-Frage auf. Wir sind nur noch etwa 100 km vom heutigen autonomen Gebiet Tibet entfernt, das für Ausländer mittlerweile praktisch unzugänglich ist. Die letzten größeren Unruhen liegen 17 Jahre zurück und breiteten sich auch auf angrenzende Provinzen mit höherem Tibeter-Anteil aus. Nach Angaben aus dem Exil starben bei der Polizei-Reaktion 80 Tibeter, vor allem buddhistische Mönche. Damit war der öffentliche Gruppenprotest niedergeschlagen. Es folgten individuelle Proteste, die in den über 150 Selbstverbrennungen von Tibetern – vor allem Nonnen und Mönchen – ihren dramatischen Höhepunkt fanden. Anstelle anderer Formen gewaltsamen Widerstands wurde ein selbstquälerischer, tödlicher Akt gewählt, um auf die Gewalt der Übermacht aufmerksam zu machen. Die Motive sind vielschichtig, doch meist scheint ein Bezug zur Gesamtlage Tibets zu bestehen. Einem Abschiedsbrief war zu entnehmen: „Das Leiden der Tibeter, denen man Menschenrechte vorenthält, ist viel größer als unsere Selbstverbrennung.“ Die chinesische Sicht vergleicht die heutige Lage mit der Situation vor 1959 – jenem Jahr, in dem ein Aufstand in Lhasa gewaltsam niedergeschlagen wurde und der Dalai Lama mit Ministern sowie hohen Würdenträgern nach Indien floh. Die tibetische Gesellschaft vor 1959 kann zutreffend als theokratischer Feudalismus beschrieben werden: Klöster waren die größten Grundbesitzer, auf deren Land Untertanen arbeiteten; hinzu kamen weltliche Aristokraten, und an der Spitze stand das geistliche wie staatliche Oberhaupt, der Dalai Lama. Das Land verfügte kaum über Straßen, nur eingeschränkt über Elektrizität und war klar hierarchisch gegliedert. Chinesische Quellen zeichnen daraus das Bild einer groben und brutalen Ausbeutung von Leibeigenen, was westliche Sinologen bestreiten (1, 2). Unstrittig ist jedoch, dass die tibetische Gesellschaft sozial rückständig war und zu den ärmsten der Welt zählte. Eine größere Emigrationswelle blieb allerdings aus, bis Tibet der Volksrepublik China angeschlossen wurde. Hier sollte zumindest kurz erwähnt werden, dass dem Dalai Lama – diesem friedliebenden Führer – die Idee eines han-chinesenfreien Tibets unter Selbstverwaltung vorschwebt. Eine Wiederherstellung alter Machtverhältnisse lässt sich dabei nicht ausschließen. Aus chinesischer Sicht legitimiert die relative Verbesserung der materiellen Lebensumstände die Rolle als „Befreier“. Das tatsächliche Leid der Tibeter scheint sich jedoch eher verschärft zu haben. Der Blick in die Vergangenheit erscheint den meisten Tibetern daher vermutlich deutlich rosiger, als er tatsächlich war. (1) https://info-buddhismus.de/Tibet_Feudale_Hoelle_auf_Erden_Elliot_Sperling.html; (2) https://info-buddhismus.de/Menschenrechte_in_Tibet_vor_1959-Robert_Barnett.html ↩︎