07/08/09 West Yunnan
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Tag 16
5:35 Uhr Ankunft an der Dali Railway Station. Vor dem Bahnhofsportal stand die Nacht, verschlafen und kalt. Geschlossene Rezeption, erkennender Passant. Kenntnis hilft uns weiter. Wenn erkennende Kenntnis handelt dann wird die halbe Straße geweckt, damit wir einchecken können, ohne für die Nacht zu zahlen und uns mit zwei weiteren Stunden Schlaf begnügen, ehe der Tagesausflug nach Weishan beginnt.
Historische Quellen sowohl in Han-chinesischer als auch in Yi-Tradition legen nahe, dass die Vorfahren der Yi eng mit den alten Qiang-Völkern verwandt waren. Deren Siedlungsgebiete lagen um den Dianchi-See (滇池) in Yunnan und in Qiongdu (邛都), nahe dem heutigen Xichang in Sichuan. Vor über 2.000 Jahren wandelte sich die Yi-Gesellschaft von einer Stammesorganisation zu einem patriarchalen Clansystem. Mit der Zeit entwickelte sich daraus eine tribale Konföderation, die politisch deutlich komplexer war.
Bereits im 2.–3. Jahrhundert v. Chr. begannen die Yi-Gruppen rund um den Dianchi-See bei Kunming, erste klassenbasierte Gesellschaftsstrukturen auszubilden. Im 8. Jahrhundert traten im Gebiet nördlich des Ailao-Gebirges und um den Erhai-See sechs regionale Machtzentren auf, die als die „Sechs Zhaos“ (六诏) bekannt sind. 783 n. Chr. gelang es Pi Luoge (皮罗阁), Anführer des „Mengshe Zhao“ (蒙舍诏), diese Fürstentümer zu einen und das Königreich Nanzhao (南诏) zu begründen. Dieses Reich vereinte Yi, Bai, Naxi und andere ethnische Gruppen. Seine Hauptstadt war Weishan. Über die Jahrhunderte erlebten die Yi sowohl kulturelle Blütezeiten als auch politische Krisen. Nach der Gründung der Volksrepublik China wurden ihnen schließlich mehrere autonome Verwaltungsregionen zugesprochen 1.
Die Altstadt von Weishan, rund 50 Kilometer von Dali entfernt, liegt am Fuße des Ailao-Gebirges. Ihre Straßen folgen einem klaren Rasterplan, im Zentrum erhebt sich der markante rote Gongcheng-Turm. Die Architektur ist geprägt von Fassaden aus Lehm und Scherben mit Lehm-Heu-Putz, grauen Ziegeln, geschnitzten Holztüren und Pflasterstraßen; viele Gebäude stammen noch aus der Ming- und Qing-Zeit (14.–19. Jahrhundert) und sind erstaunlich gut restauriert.
Das heutige Weishan bewahrt nicht nur diese Bausubstanz, sondern auch Volksbräuche und Handwerkstraditionen, die hier in einer ruhigen, vom subtropischen-hochland Klima begünstigten Atmosphäre fortleben. Die von Nord nach Süd verlaufende Hauptstraße ist an fast jeder Ecke mit Skulpturen und Fassadenplastiken geschmückt, die Motive der Landwirtschaft darstellen, und führt direkt durch das rote Tor des Gongchengs.
Wir probieren einen mit Pflaumenmus gefüllten, bröseligen Kuchen, bevor uns ein Singapurer beim Postkartenkauf übersetzt – ein Geschäftsmann, der von hier aus Reiswein in alle Welt exportiert. Absurd klingt es, doch er führt tatsächlich einen Laden gegenüber und reicht uns großzügige Kostproben seines Originals, Osmantha und Daisy. Mit je zwei Flaschen im Gepäck bringt er uns noch in das einzige nach ihm empfehlenswerte Restaurant des Ortes: Vor der Tür hängen 1,5 Ziege(n). Ziegensuppe ist das Hauptgericht. Das Erlebnis bleibt eher määäh.
Dafür entschädigt die Straße mit ihrer künstlerischen Vielfalt: Ein zahnloser Mann schnitzt mit an Holzklötzen befestigten Teppichmesserklingen kunstvolle Stempel, andere Läden bieten Stickereien, Keramik und Holzarbeiten an. In Hinterhöfen blühen Seerosen. Am Ende der Straße öffnet sich der Blick auf die umliegenden, dicht bewaldeten Hügel auf roter Erde. Die erste Altstadtidylle. Rafa feilscht lange mit einer Händlerin, ehe er sich schließlich doch eine handgewebte traditionelle Weste kauft. (Infos aus https://www.yunnanexploration.com).
Zurück in Xiaguan (大理新镇), dem modernen Stadtzentrum Dalis, laufen wir die Monumentalachse hinab, begegnen einheimischen Kartenspielrunden und steigen dann hinauf zur Plateau Bright Pearl, in der Hoffnung, einen Blick auf den Erhai-See werfen zu können. Doch es bleibt noch eine Hügelkette vor uns, ehe wir nach einem Aufstieg im Erhai-Park ihn zu Gesicht bekommen. Ein merkwürdig ruhiger Anblick – wie ausgestorben, kein einziges Boot.
Der See erstreckt sich weit nach Norden, zwischen Bergen im Osten und Westen. Etwas kleiner als der verwandte Dian-See bei Kunming, ist auch dieser ein Hochland-Verwerfungsee. Fast am Horizont können wir die Pagoden der eigentlichen Altstadt erahnen. Einige Kilometer westlich von uns liegt ein Strand vor den Hochhäusern – wohl für wohlhabende Chinesen, die den Erhai-See zu ihrem Altersruhesitz erwählt haben.
Tatsächlich ragen im neuen Dali zahlreiche Hochhäuser mit Luxuswohnungen empor, während weitere gebaut werden. Die knurrenden Mägen schreien nach thailändischem Essen, um dann gesättigt zum Hotel spazieren zu können.
Tag 17
Ausgeschlafen brechen wir um 8:30 Uhr nach Dali Old Town auf. Das Gepäck stellen wir im tiefgaragenartigen Innenhof unserer fröhlichen Wirtin unter. Sekunden zuvor ist uns noch ein sanitärer Durchbruch gelungen, der den zukünftigen Reisestuhlgang mächtig vereinfachen sollte: Die Hose auf der Hocktoilette nur bis zu den Oberschenkeln herunterziehen und den Rest bis zu den Knien hochkrempeln. Das umgeht die lästige präventive Halbentblößung und verhindert unnötige Besudelungen.
Auf dem Weg zum DiDi finden manche von uns noch magenliche Beruhigung in einigen Bao-Ze, ein paar offenen Dim Sums, gefüllt mit einer Reis-Pilz-Mischung, oder fettigen Fladenbroten. Die typische Ausflucht vor einer morgendlichen Nudelsuppen-Kur.
Nach 40-minütiger Fahrt: Ankunft an der Chongshen-Tempelanlage. Links und rechts des Aufstiegs begleiten uns prächtige Beete: aufrechte Studentenblumen (Tagetes erecta), fein gefiederte Schmuckkörbchen (Cosmos bipinnatus), Kokardenblumen (Gaillardia pulchella) und die leuchtenden Strohblumen (Xerochrysum bracteatum) in kräftigem Rot, Lila und Gelb. Daneben blühen Dahlien (Dahlia pinnata) in sattem Rot und zartem Rosa, ebenso die Mandevilla in roter und rosafarbener Pracht. Gelbe und rosane Löwenmäulchen (Antirrhinum majus) setzen betonte Farbtupfer, während das dunkle Bordeaux von Aeonium ‘Zwartkop’ einen fast dramatischen Akzent bildet. Dazwischen schimmern die rot- und rosa-weiß blühende Impatiens hawkeri und lilane Salvia farinacea. In der zweiten Reihe ein Durcheinander verschiedenartiger Sonnenblumen, die wirken, als wären sie wahllos verstreut.
Gegenwärtige Gestaltungen erweisen alter Baukunst hier alle Ehren. Die Parkanlage ist auch jenseits der Blumenkulisse wundervoll gelungen. Hohe Feigen, schlanke Ginkgos und eine verwirrende Vielzahl an Nadelbäumen, darunter der endemische Pinus yunnanensis. Saftig grüne Grasparzellen, auf denen winzig kleine Lascare im Klee Fang spielen. Putzige Hüpfe-Hörnchen (Pallashörnchen), die sich die Wiese entlang auf dem Ahorn jagen. Ein wundersamer gelber Brillenvogel pflegt sein Federkleid unter einem kleinen Blatt. Und auch hier um den Tempel bewundern wir den Einfallsreichtum der chinesischen Mülleimerdekors. Diese sind nämlich nicht nur stets zahlreich, sondern auch thematisch travestiert. Hier finden wir sie in traditioneller Laternenoptik, später im Dorf als Tonkrüge, auf dem Emei Shan grüßten uns kanjiforme Behälter.
Vor uns heben sich jetzt die drei mächtigen Pagoden in ihrem verwaschenen beige-lehmigen Ton gegen das von Wolken durchkämmte Cangshan-Gebirge ab. Der mittlere Riese, Qianxun (千寻塔), ist mit knapp über 69 Metern auf 16 Stockwerken der höchste und älteste unter dem Dreigestirn. Er wurde in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts erbaut, die ihn flankierenden zehnstöckig-oktogonalen Geschwister im Jahrhundert darauf. Hinter den drei Wächtern befindet sich der Reflection Pond (聚影池), der die märchenhaften Gestalten auf seiner Oberfläche spiegelt. Der Legende zufolge war das Land um den Erhai-See einst die Heimat von Drachen, die Naturkatastrophen herbeiführten, um die Menschenplage von ihrem träumerischen Hort fernzuhalten. Die Drachen aber verehrten Pagoden, weshalb der Bau dazu diente, sie davon abzuhalten, die Menschen mit Naturgewalten heimzusuchen. 2 Die Pagoden scheinen tatsächlich die Gunst der Drachen genossen zu haben, denn bis auf einen vernichtenden Brand in der großen Chongsheng-Pagode während der Qing-Dynastie, der 2005 zu einem Wiederaufbau nötigte, überstanden die Geschwister jegliche Natur- und menschengemachte Katastrophe. Nur die Bewohner der umliegenden Ländereien erlagen den Mühlen der Zeit.
Zur Zeit des Baus war die heutige Provinz Yunnan nicht Teil einer chinesischen Dynastie, sondern Hauptstadt des Nanzhao-Königreichs (649–902 n. Chr.) bzw. des Dali-Königreichs (937–1253 n. Chr.). Zu diesen Reichen gehörten auch Teile des heutigen Laos, Thailand und Myanmar. Beide Reiche walteten relativ stabil über ihre Herrschaftsgebiete, wobei vor allem das Nanzhao-Königreich in wechselnden Bündnissen Kriege gegen und mit den Tang-Dynastien und dem Tibetischen Königreich führte. Das spätere Dali-Königreich pflegte seine Beziehungen zum zeitgleichen China stärker diplomatisch. Dennoch war es in beiden Reichen üblich, für die Elite eine Bildung in China, oft im nahegelegenen Chengdu, zu erhalten. Das Volk der Bai, dem in Dali heute eine autonome Region zugestanden wird, sieht die beiden Königreiche als ihre kulturellen Wurzeln. Zumindest ab der Übergangsphase zwischen den Königreichen scheint auch belegt, dass die Elite des Reiches den Bai zugehörig war. Vor allem westliche Sinologen gehen aber davon aus, dass während des Nanzhao-Königreichs viele Thai in Yunnan lebten, die später weiter Richtung Süden migrierten. Der letzte König des Nanzhao-Reiches etablierte den Buddhismus als Staatsreligion. So befand sich früher in jedem Stockwerk der mittleren Pagode ein aus Marmor geformter Buddha.
Wir genießen noch eine Weile die geschwungene Dachpracht von einer Bank aus und begeben uns dann weiter die Treppen hinauf. Nach dem Besuch einer Sanitäreinrichtung, in der wir über dem Pissoir erhellender buddhistischer Eingebungen gewahr werden – a big step forward in a small step –, treffen wir auf eine arme Froschseele, die wohl einem Kalkstein innewohnt. Und tatsächlich, beim heftigen Schmettern eines kleineren Steines in die vorgeschlagenen Kuhlen erklingt ein verfremdetes Quaken. Das mit dieser Praktik einhergehende Glück wurde uns sofort zuteil: Hinter einer araknoiden Seidenspinnerei in einer Ahornkrone erkennen wir einen Giftshop, der mehr wie eine Kunstgalerie aussieht. Gleich beim Eintritt überkommt uns ein wohliges Gefühl: anmutende Porzellankunst hinter Vitrinen und endlich mit Echtheitszertifikat und biografischer Notiz. Das Herz schlägt höher bei der Betrachtung zarter Teeservices vor Plaketten mit Hintergrundinformationen zu Werk und Künstler.
Rafa und Toni verfallen sofort der sinnlichen Schönheit eines Zyklus „pfauenblauer“ Vasen, die mit ihrem zarten Craquelé das Ideal Song-zeitlicher Schlichtheit mit moderner Formsprache verbinden.
„Li Zixuan, Han-Chinesin, geboren 1946 im Kreis Jianshui, Provinz Yunnan. Seit vielen Jahren widmet sie sich der Erforschung und Herstellung von Huá Níng Töpferei. Sie entwickelte sich von einer Dorftöpferin zu einer weithin anerkannten Meisterin. Seit über 50 Jahren arbeitet sie auf diesem Gebiet.
Anfangs lernte sie bei ihrem Ehemann und Schwiegervater das Töpferhandwerk. Später konzentrierte sie sich eigenständig auf die Forschung und Weitergabe. Mit der Beharrlichkeit, Ausdauer und Flexibilität einer Frau brachte sie die Huá Níng-Töpferei zu neuem Glanz und übernahm die Verantwortung, diese Techniken an die Dorfhandwerker weiterzugeben. Dadurch erlebte die Huá Níng-Keramik eine Blüte, die zu einer breiten Entwicklung und Vielfalt der Kunst führte.
Als hochgeschätzte Altmeisterin der Huá Níng-Keramik arbeitet Li Zixuan noch heute in ihrer Werkstatt. Sie hat in vielen Jahren Experimente durchgeführt und eine Reihe von Produkten hervorgebracht, darunter die berühmte Serie der „blau-weiß gekräuselten (Craquelé-)Gefäße.
Li Zixuan vertritt den Leitsatz: „Das Vertrauen in die Huá Níng-Töpferei bewahren.“ Sie setzt sich dafür ein, die Techniken der Huá Níng-Töpferei zu bewahren und weiterzuentwickeln, sucht neue Wege, arbeitet unermüdlich und forscht unaufhörlich. Ihr persönlicher Lebensweg als Keramikkünstlerin ist ein bedeutendes Zeugnis für die Entwicklung der Huá Níng-Töpferei im Kreis Jianshui.“
Wir erfahren, dass die Meisterin selber seit einigen Jahren verstorben ist, ihre Werke aber am Kunstmarkt mittlerweile ein Eigenleben führen. Eine Töpfertradition kann für Jianshui durch archäologische Funde bis etwa 3.500 Jahre zurück belegt werden. Insbesondere während der Song-, Yuan- und späteren Dynastien war Jianshui ein bedeutendes Zentrum der Keramikherstellung in Yunnan. Eine spezielle Tradition der „Purple Pottery“ (紫陶, Zǐtáo) in Jianshui hat sich wohl besonders während der Qing-Dynastie ausgeprägt und wurde zu einer der berühmten regionalen Keramiken Chinas. Man verwendet in Jianshui eine Mischung aus lokalen Tonerden („five-colour clay“). Der Ton ist nicht stark sandig, wird sorgfältig aufbereitet, entlüftet etc. Der Herstellungsprozess umfasst typischerweise mehrere Stufen – Tonaufbereitung, Formen, Dekorieren (z. B. Schnitzen, Inlay), Glasieren oder Oberflächenbehandlung und dann Feuerung. Traditionell werden Holzöfen benutzt (Pinewood kilns). Das gibt Unwägbarkeiten bezüglich Farbe und Muster durch Flammenverlauf und Temperaturverlauf und macht jedes Stück somit einzigartig.
David verguckt sich in die verschwommene Farbenwelt einer Teeservice-Kollektion, die so wunderschön ist, dass wir tatsächlich sprachlos sind.
Cisheng (ursprünglich Zhao, aus einer Töpferfamilie) ist ein zeitgenössischer Keramikkünstler und Begründer der Marke „Cisheng Caike“. Er entwickelte die Technik 彩刻工艺 – eine Verbindung von Gravur, farbigem Lehminlay und polierter Oberfläche.
Sein Verfahren baut auf der Tradition der Jianshui-Zitao-Keramik auf: In den lederharten Ton werden Ornamente, Schriftzüge oder Landschaftsmotive eingeschnitten und mit verschiedenfarbigem Tonschlamm gefüllt, der aus den eisenreichen Naturerden Yunnans gewonnen wird. Durch wiederholtes Polieren mit Kieseln entsteht eine glatte, metallisch glänzende Oberfläche – ohne Glasur, wodurch die Farben aus dem Ton selbst leuchten.
Ästhetisch sind seine Werke geprägt von:
- Erdigen, ruhigen Farbtönen – Rotbraun, Schwarz, Grün, Gelb – die harmonisch im Scherben eingebettet sind.
- Kalligrafisch inspirierten Linien: Schwungvolle Schriftzeichen und freie Gravuren, die wie mit Pinselstrichen in den Ton geschnitten wirken.
- Integration von Malerei und Relief: Motive scheinen nicht aufgesetzt, sondern organisch aus der Gefäßform gewachsen.
Cisheng verbindet damit die jahrhundertealte Politur- und Gravurtradition von Yunnan mit moderner Gestaltung. Er hebt die dekorative Kraft über das rein Funktionale hinaus und verleiht seinen Teekannen und Gefäßen eine ruhige, zeitlose Eleganz, die zugleich innovativ wirkt.
Seine Stücke – etwa die „Fünf-Glück-Kanne“, die „Dreifarbige Blütenkugel“ oder die „Fünf-Farben-Lotus-Kanne“ – befinden sich in bedeutenden Sammlungen wie dem Yunnan Provincial Museum und dem China Ceramic Art Museum und wurden auf internationalen Ausstellungen gezeigt.
Jeder von uns wird fündig, erhält ein traditionell gestempeltes Zertifikat. Die Kunststücke werden elegant und professionell verpackt. Wir sind beseelt und restlos zufrieden. Das erfolgreiche Geschäft wird lediglich durch das Verhalten der Galeristin getrübt, welche eher unsachlich mit unseren Schätzen umgeht und darüber hinaus, bis auf einige kanonische Lobpreisungen, wenig über die Hintergründe der Werke zu sagen vermag. Etwas angeekelt sind wir vom Abschluss des Kaufprozesses. Die nette Teezeremonie endet mit einem Beweisfoto, auf dem wir unsere Kunstwerke wie Jagdtrophäen vor die Linse halten müssen. So wird Kunst kurzerhand zu Konsum degradiert.
Die unglückliche chinesische Verkaufsprozedur ist beim Blick über die Seelandschaft mit Pagoden vom Aussichtspunkt des historisierten Prachtshops schnell vergessen. Wir verlassen die Anlage entlang der Blumenweide. Auf dem verwachsenen und verweisten Weg Richtung Altstadt reitet uns eine Western-Miniatur entgegen. Wir flanieren durch belebte Trubelgassen und altbekannte Altstadtrestaurationen. Zuflucht vor der verhassten Schweineschwade finden wir mal wieder bei einem Thai, deren Betreiber diesmal jedoch große Schwierigkeiten haben, unsere vegetarischen Improvisationsvorschläge in die Tat umzusetzen. Nach vielem Konsultieren, Übersetzen und auf Buddha-Bilder deuten, bekommen wir jedoch die erhoffte Entlohnung in Form fein abgeschmeckter Reisgerichte. Da lohnt sich der Nachschlag – wer weiß, wann wir uns das nächste Mal zum Essen überwinden können.
Zwei Zugstunden später stehen wir vor unserer Herberge in Heqing. Zwischen dem Durcheinander aus Orchideengarten, Vogelpferchen, Katzenklo und Wohnzimmer erkennen wir kaum die Rezeption. Hier hat man wohl noch nie einen ausländischen Pass gesehen, denn die Routinemeldung beim Kader dauert sicherlich eine halbe Stunde und erfordert geduldige Unterstützung. Unser Zimmer wird uns im völlig dunklen Treppenhaus lediglich vom grünen Schein des Notausgangschilds gewiesen. Das Zimmer hat eine nette Sextoury-Ästhetik mit Blick auf das Reisfeld.
Gegenüber schmeißen die Nachbarn vor einer LED-Sonne den Hochofen an, um noch ein paar Kröten im industriellen Stil zu verarbeiten.
Tag 18
Auf unserer Reise hoch nach Tibet folgen wir Tao Yus Empfehlung und legen einen Stop im Kreis Heqing (鹤庆, “Kranich Feier”) ein. Der Name rührt daher, dass hier in den Feuchtgebieten jedes Jahr zahlreiche Zugvögel überwintern, darunter auch der gefährdete Schwarzhalskranich. Er stammt ursprünglich aus den Hochlagen des Tibetischen Plateaus, wo er in Sommermonaten auf über 3.000 m Höhe brütet. Mit dem Wintereinbruch ziehen die Kraniche nach Süden in mildere Regionen wie Yunnan, wo sie in den flachen Seen und Feuchtgebieten Nahrung und Schutz finden.
Das Städtchen selbst liegt auf 2.200 Metern Höhe, eingebettet in ein Tal mit Seen und Feuchtgebieten. Ein Großteil der Bevölkerung gehört auch hier zur Bai-Minderheit, deren Kultur und Handwerk hier bis heute lebendig ist 3.
Wir spazieren durch die Straßen und geraten mitten in das bunte Treiben eines Bauernmarktes: Man sieht hier so viel Frische die uns auf den Tellern bisher vorenthalten blieb. Gemüse, Obst, Trockenfrüchte, Gewürze und was das Herz sonst noch begehrt. Fische und Aale glitzern in den Bottichen, Krebse krabbeln in Schalen, während am Obststand frisch geerntete Birnen aufgetürmt sind. Die Sonne wärmt den Platz, und wir lassen uns treiben.
Weiter geht es in den Park des Literaturtempels. Jugendliche und Familien spielen Basketball, Ältere sitzen plaudernd unter Weinranken – Szenen, die uns in China bisher verwehrt blieben. Wenig später stehen wir vor dem Yunhe-Turm (云鹤楼, „Weißer Kranich in den Wolken“), einem eindrucksvollen Holzpavillon, der ganz ohne Nägel auskommt: Die Konstruktion beruht ausschließlich auf präzisen Zapfenverbindungen. Mit einem Kaffee setzen wir uns an den Straßenrand und beobachten das Leben um uns herum.
Da erscheint eine ältere Dame in traditioneller Bai-Kleidung 4 – rote Weste, bestickter Hut, langer Rock mit Blumenmuster. Mit gerade einmal vier Zähnen im Mund, aber voller Energie, stürmt sie auf uns zu, beginnt zu tanzen und zu klatschen. Wir stimmen ein. Dann zieht sie stolz Dokumente aus ihrer Tasche: Fotos ihrer beiden Söhne in Militäruniform, eine Geburtsurkunde – ihr Name ist Peng Lixuan, 73 Jahre alt. Als Rafa das rausfindet drückt sie uns jeweils einen 1 Yuan Schein in die Hand. David revanchiert sich mit einem 2-Euro-Stück. Darauf kennt ihre Begeisterung keine Grenzen: Sie wirft den Hut in die Luft, kniet sich mitten in den Kreisverkehr und betet Tempel und Münze zugleich an. Kurz darauf zaubert sie ein zerlesenes Buch hervor – „Tibetisches Medizinbuch mit geheimen Rezepturen“ – und schlägt uns die Seite zu Safran auf: „Safran ist äußerst wertvolles Heilkraut mit einem breiten Anwendungsspektrum. Es fördert die Durchblutung, befreit Meridiane, kühlt das Blut und entgiftet, lindert Entzündungen und Schmerzen, ändert Depressionen und beruhigt den Geist, stärkt das Immunsystem und verbessert die Schönheit. Safran ist besonders wirksam bei Herz-Kreislauf- und cerebrovaskulären Erkrankungen, reguliert die Leber- und Nierenfunktion, reguliert Herzrhythmusstörungen und bekämpft Tumorschmerzen. Safran wird auch zur Behandlung gynäkologischer Erkrankungen wie unregelmäßiger Menstruation, Amenorrhoe, postnatalen Blutungen und Bauchschmerzen sowie Unfruchtbarkeit eingesetzt. Safran wirkt entgiftend, schlaffördernd und energiespendend und regt die Durchblutung bei Frauen an. […]“
Nach einer intensiven Verabschiedung nehmen wir ein DiDi-Taxi zum Xinhua Bai Ethnic Tourist Village (新华白族旅游村) am Rande des Caohai-Feuchtgebiets. Dort pflegt man seit langem eine Tradition der Silberschmiedekunst – doch statt schwerer Serviersets stehen hier vor allem filigrane Teekannen und Becher im Mittelpunkt. An Strassenbüschen erste Schmetterlinge. Wir biegen rechts Richtung See ab und laufen an den ersten Reisfeldern vorbei, die wie eine grün-goldene Decke über das Schwemmland wirken. Eltern bringen ihren Kindern hier das Fischen bei. Wir erspähen Krebse zwischen Reisbüscheln. Am Wegesrand reifen zahlreiche Chilischoten. Bisher hatte uns die Schärfe in China eher enttäuscht. Auch diese Schoten lassen sich roh essen und macht Rafas tägliche Birds-Eye-Kur glatt obsolet.
Dörfler hämmern Silberweiß,
an jedem Ort ein anderer Reis.
Felder spinnen still ihr Gold,
doch Macht der Sichel keinen zollt,
längst rote Erde überrollt.
Wie fruchtbar bleibt noch dieser Kreis,
wenn jeder einem jeden gleicht.
Wir erreichen ein Dorf am Ende des Sees – ein Zusammensetzung aus halbfertigen Neubauten und einigen bereits vollendeten Häusern im traditionellen Stil. Doch lange verweilen wir nicht, denn schon ruft der Zug. Zwei Stunden später rollen wir in Xiangelila (Shangri La) 5 ein, das tibetische Städtchen auf 3.200 Metern Höhe. Nach dem Check-in bleibt noch Zeit für einen kurzen Spaziergang durch die Altstadt. Auf einem zentralen Platz tanzen rund 150 Leute, von Jung bis Alt, den Gorchom – einen traditionellen tibetischen Kreistanz. Zum Abschluss noch eine Pizza – im Gegensatz zu den Einheimischen allerdings ohne Handschuhe. Rafa probiert dazu getrocknetes Yakfleisch. Und so klingt der Tag in dünner Höhenluft aus.
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Auf dem Zweiten Nationalkongress 1922 erklärte die KPCh, sie werde sich dafür einsetzen, dass die Innere Mongolei, Tibet und Turkestan unabhängige Staaten werden könnten. Gleichwohl befürwortete sie eine freiwillige Vereinigung mit China. In seinem politischen Bericht an den 7. Parteitag (1945) sprach sich Mao weiterhin für das Selbstbestimmungsrecht aller Nationalitäten aus. Nach der Gründung der Volksrepublik China (VRCh) wurden diese früheren Zusagen allerdings ohne Erklärung aufgegeben. […] Nach der Machtübernahme durch die KPCh wurde zum ersten Mal in der Geschichte Chinas die Existenz einer größeren Zahl separater ethnischer Gruppen an- erkannt, und sie erhielten einen gesetzlich geregelten gleichberechtigten Status. Die Zentralregierung gewährte ihnen Vorzugsbehandlung, verbot jede Art von Diskriminierung und erließ in den 1950er- und 1980er- Jahren Sondergesetze für ethnische Minderheiten. Sie unterstützte deren Siedlungsgebiete mit Entwicklungs- hilfe und Subventionen und gewährte ihnen gewisse („autonome“) Sonderrechte. So war jede ethnische Gruppe mit Repräsentantinnen in den politischen In- stitutionen wie den „Volkskongressen“ (Parlamenten) vertreten. Die in den frühen 1950er-Jahren unternommenen Maßnahmen zur rechtlichen und faktischen Gleichstellung fielen jedoch der Mao-Ära zum Opfer. […] Die Erfahrungen der Kulturrevolution hatten verdeutlicht, dass die Integration der Nicht-Han-Völker sich nicht mit Gewalt erreichen ließ. Entsprechend wurde der Status der chinesischen Minderheiten in der Verfassung von 1982 neu bewertet. Mit dem „Gesetz über die regionale Autonomie ethnischer Minderheiten“ (1984, geändert 2001) erhielten die Minoritäten formell die weitreichendsten Freiheiten seit Gründung der Volksrepublik China. […] Autonomie bedeutet nicht, dass diese Regionen das Recht haben, sich vom Hoheitsgebiet der VR China abzuspalten, sondern dass sie im Vergleich zu anderen Verwaltungseinheiten bestimmte Sonderrechte genießen. Dem Autonomiegesetz zufolge sind in autonomen Einheiten die Sprache(n) und Schrift(en) der jeweiligen Nationalität(en) zu verwenden, die Verwaltung soll überwiegend in den Händen von Beamtinnen aus der Minderheitenbevölkerung bestehen, und die Regionalregierungen können ihre eigenen Gesetze und Vor schriften erlassen, ihre Finanzen selbst verwalten sowie über lokale Sicherheitsorgane verfügen. […] Da diese Rechte zudem nicht einklagbar sind (es gibt keine Verfassungs- oder Verwaltungsgerichte), hängt der Grad ihrer Verwirklichung von der aktuellen Parteilinie ab. (China Geographien einer Weltmacht, Sina Hardaker, Peter Dannenberg (Hrsg.)) ↩︎
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Ganz China ist von Drachen gesäumt. Kein Tempel wird nicht von ihm geziert, keine Straße kommt ohne eine architektonische Integration seiner aus, keine Etablissement ist ohne ihn zu denken; Drachenaugen mustern einen hier auf Tritt und Schritt. Das ist auch nicht verwunderlich ist doch das chinesische Volk Nachfahre des Long (龍 / 龙). Schon die Kaiser der Qin wurden vom fünf-klauigen Drachen vertreten, Beamte zierten je nach Rang vier oder drei Klauen. Dabei hat der Long recht wenig mit unserem Märchendrachen gemein. Die chinesischen Fabelwesen sind Gottheiten, Heere der Wasser oder des Feuers, keine Dämonen die von einem Siegfried geschlachtet werden. Sie sind Symbole für agrarische Fruchtbarkeit und somit des Lebens, Glücks, Reichtums oder Macht. […] Die ersten mythologischen Abbildungen eines drachenartigen Mischwesens – aus Schlange und Schwein mit Beimischung regionaler Geschöpfe –, der „Schweine-Drache“ (zhulong, 豬龍), entsprangen dem Geiste der neolithischen Hongshan-Kultur (ca. 4700–2900 v. Chr), am Ufer des Gelben Fluss. Zur Zeit der Streitenden Reiche (480–221 v. Chr.) betrat der klassische Long, neben dem Fenghuang-Phönix, zum ersten Male die Bühne der Welt: mächtiger Schlangenleib, Schuppen eines Karpfens, ein büffelartiger Schädel mit wehender Mähne. Zwei Bartstränge entspringen seitlich unterhalb der platten Knobelnase, sowie dem Halsansatz und dem Unterkiefer. Vier Beinchen mit Adlerkrallen die je nach Rang in ihrer Anzahl variieren entwachsen der langen Gestalt. Ein Schuppenkamm zieht sich entlang des Rückrads, ein prächtiges Hirschgeweih entspringt dem Haupt, das Gebiss ist löwenatrig mit Eck- und Schneidezähnen. Da der Drache aber neun Söhne hat, wie es sprichwörtlich heißt, tritt er auch in anderer Gestalt auf: als Bixi (贔屭 / 赑屃), den Schildkröten die in Tempeln Träger schweren Steintafeln oder Säulen sind oder als Chīwěn, einem hornlosen Drachen mit Fischelementen der auf Dächern das chinesische Äquivalent zum Gargoyle darstellt. Der Long ist der fünfte der zwölf Erdzweig, das einzige mythologische Wesen im chinesischen Horoskop und auch hier in Dali könnte manch eine Chinese in den Kämmen des Cangshan einen Drachenrücken erkennen, dessen Wohlergehen dem Feng shui nach zu achten ist. ↩︎
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Die Bai-Gemeinschaft formierte sich im 7.–8. Jahrhundert, zur Zeit der Königreiche von Nanzhao und Dali. Sie setzte sich aus den Bevölkerungen zusammen, die damals die Region um den Erhai-See und Kunming besiedelten: Einheimische, Han-Migranten, tibetische Di und Qiang, Burmesen und Yi. Deren Kulturen und Sprachen beeinflussten sich gegenseitig und verschmolzen vor Ort zur Bai-Kultur. Im 9. Jahrhundert, nach dem Niedergang von Nanzhao, gründeten die Bai das Königreich Dali (大理国), dessen Herrschaft vom Duan-Clan (段氏) ausgeübt wurde. Dali war ein einflussreiches Reich mit engen Verbindungen zum Kernland Chinas, verbunden über die alte Tee-Pferde-Straße (茶马古道) und die Südliche Seidenstraße (南方丝绸之路). In dieser Zeit erlebte die Bai-Kultur ihre Blüte, insbesondere durch die Integration von Konfuzianismus und Buddhismus sowie die Entfaltung lokaler Kunst, Textilproduktion und Handelsnetzwerke. 1958, während der Kulturrevolution, floh ein großer Teil der Bai nach Burma. […] Die Bai sind überwiegend Anhänger des Benzhu-Kults (本主崇拜), wobei Benzhu (本主) „Herr des Territoriums“ bedeutet. Dieser Glaube steht im Zentrum ihrer religiösen Praxis und bezieht sich auf eine lokale Gottheit oder einen Schutzgeist, der Dorf oder Gemeinschaft bewacht. Jedes Bai-Dorf oder jeder Verband mehrerer Dörfer verehrt einen spezifischen Benzhu. Zu diesen Gottheiten zählen Berge, Flüsse, Bäume, Tiere, aber auch mythologische und historische Figuren wie konfuzianische Gelehrte, buddhistische Gottheiten, daoistische Götter oder Gestalten aus der Volksüberlieferung. (Aus https://www.yunnanexploration.com/bai-ethnic-minority.html) ↩︎
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Die Kleidung der Bai hat eine lange Geschichte und spiegelt bis heute die kulturelle Eigenständigkeit dieses Volkes wider. Besonders charakteristisch ist die Vorliebe für die Farbe Weiß, die bei den Bai als Symbol für Würde und Reinheit gilt. Zwar unterscheiden sich die Kleidungsstile je nach Region, doch weiß gilt allgemein als die vornehmste Farbe. Die Tracht der Frauen variiert ebenfalls regional: Im Raum Dali tragen unverheiratete Frauen bestickte Tücher oder bunte Schals um den Kopf, dazu ein weißes Oberteil und eine rote Weste. Verheiratete Frauen binden ihr Haar zu einem Knoten, während junge Mädchen es flechten oder kunstvoll auf dem Kopf aufrollen. Diese Kopfbedeckungen sind oft mit Blumen und kunstvollen Mustern geschmückt, die Elemente der Bai-Kultur symbolisieren – „Wind, Blumen, Schnee und Mond“ (风花雪月) –, ein klassisches Motiv, das Anmut, Naturverbundenheit und Harmonie ausdrückt. (Aus https://www.yunnanexploration.com/bai-ethnic-minority.html) ↩︎
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Der Name Shangri-La geht auf den 1933 erschienen Roman „Lost Horizon“ von James Hilton zurück, indem ein fiktiver utopischer Ort in Tibet beschrieben wird, indem alle Menschen in Harmonie leben und langsamer altern. Dabei war die Inspiration für den Ort vielfältig und ließ sich im Nachhinein nur schwer rekonstruieren, wobei Literaturkritiker betonen, dass absichtlich die zu dieser Zeit schwerst zu erreichende Region der Welt benutzt wurde, um als Metapher für einen vollständig friedlichen Ort zu dienen. Dennoch versuchten Forscher den fiktiven Ort weltlich zu lokalisieren, was 2001 dazu führte, dass der Landkreis Zhongdian, indem seit dem 17. Jahrhundert ein großes Lamakloster steht, in Shangri-La umbenannt wurde. Ein Team von 40 Chinesen lokalisierte den Ort ebendort, wobei nicht-chinesische Forscher die das Gleiche versuchten zu anderen Schlüssen kamen. Die Umbennung sollte auch den Tourismus in der Region fördern, was auch dank der vielen Nationalparks in der Nähe äußerst gut funktioniert. Der Charme Shangri-Las dem weltlichen entkommen zu können zerrinnt damit. ↩︎