11 Li Jiang
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Tag 21
Bei der Bettbelegung kommt Toni das große Privileg zu, zwei Röcheltapiren bei ihrem nokturnen Walten zu lauschen. Unter ihm: der König unter den Schnarchkünstlern, ein opulentes Exemplar. Donnerndes Grollen bisher unvorstellbarer Ausmaße – selbst für einen so geübten Insomnisten. Ohne Frage das lauteste Geräusch, das je ein Lebewesen auf Erden hervorgebracht hat. Schräg gegenüber ein weniger spektakuläres Knattern, das jedoch ebenfalls gewaltige Ausmaße annehmen kann, wenn es nicht gerade durch das Tönen des großen Anderen aus seinem Schlummer gerissen wird. Der röchelnde Todeskampf ist gegen 2 Uhr schließlich so unerträglich, dass sämtliche Banknachbarn erwachen und Toni dem entblößten Hängebauch der Bestie einen harten Schnipser verpasst. Es bleibt ohne Effekt, also: aufstehen, Nacht durchmachen.
Die Bemannung dieser Stinkhöhle bei Nacht zu mustern, hat seinen anthropologischen Charme. Die Entwicklungspsychologie hat wohl die Einwirkungen des Smartphones auf die Greifgenese des Kindes noch nicht in Lehrbüchern festgehalten, denn hier springt ein Kleinkind ohne Probleme vom Scherengriff zum Scroll-Griff, um Kurzvideos zu konsumieren, ohne den Pinzettengriff vorher erlernt zu haben. Lautes Gefurze und ähnlich Kreatürliches vermischt sich mit den Rauchschwaden der nächtlichen Raucherpause und dem feinen Gewürzstaub des Mitternachtsfertiggerichts. 2:30 Uhr: Das Kind fällt um. Sirenengeheul. Gegen 3 Uhr ein dringliches Geschäftstelefonat, ausführliche Schilderungen. Nach etlichem Schnipsen der Gliedmaßen, Klopfen vom Nachbarabteil und meckerndem Stöhnen der Mitleidenden scheint der Donnergott endlich seinen Atemwegsbeschwerden erlegen zu sein. Toni meint ebenfalls für ein paar Stunden entrückt zu sein. Um 5:30 Uhr: grelle Taschenlampen, lautes Gerödel, intensive Kommunikation. Eine Familie zieht ein, Toni muss seine Tasche vom Nachbarbett rüber auf seins räumen, sodass er jetzt krumm wie ein Unfallopfer daliegt. Das Familienoberhaupt erliegt sofort seiner geistigen Umnachtung und wird die restliche Fahrt wie eine Motorsäge knurren.
Zum Frühstück werden Plastikhandschuhe angezogen und ein Plastikdöschen Hühnerfüße sowie eins mit Entenbrust verspeist. Die Softdrinkdose steht direkt daneben. Der Zug hat eine 17-minütige Verspätung.
Unsere höhenlufttrainierten Lungen pumpen uns durch den Umstieg in Guiyang, der in China eine doppelte Passkontrolle erfordert. Im Schnellzug gleiten wir durch ein endloses Panorama aus grünen Hügeln und goldenen Tälern, als zöge die Landschaft selbst im Zeitraffer an uns vorbei.
Karstgebiete sind für Chines*innen die ideale Landschaft, von Dichtern besungen, in Gemälden verherrlicht. Schon ewig gilt die Region um den Li-Fluss als klassisches Motiv für Shanshui-Malerei (山水画), Lyrik und für den 20-Yuan-Schein. Die Karstgebiete Guangxis liegen auf einer mindestens 1.000 m mächtigen paläozoischen Meeresablagerung, die seit der Trias durch tektonische Hebung Festland ist. Weil das Gebiet von Ost nach West gehoben wurde, entwickelten sich unterschiedliche Formen. Wirtschaftlich ist die Karstregion mit Ausnahme der Städte trotz einer Vervielfachung des Pro-Kopf-Einkommens seit der Wirtschaftsreform im nationalen Vergleich weit zurückgeblieben. Obwohl sie durch die Regierung mit vielen Programmen gefördert wird, gehört sie zu den ärmsten Chinas.
Unser Hotel liegt, von Lotusfeldern umgeben, am Yulong-Fluss, kurz vor dessen Mündung in den Li-Fluss bei Yangshuo – eingebettet in einem schmalen Tal, das von schwarzen Turm- und Kegelkarstbergen mit rötlich-beigen Einsprengseln gerahmt wird.
Zur Begrüßung werden uns Kaffees serviert: David und Rafa erhalten Iced Americanos, während Tonis Espresso sich als heißer Americano entpuppt. Das hauseigene Restaurant überzeugt: Zum ersten Mal begegnen uns Zitronengras und Ingwer in der Küche, die südostasiatische Assoziationen wecken. In der prallen Sonne suchen wir Abkühlung im Pool – so erfrischend, wie es eben 28 °C Wassertemperatur und 1,10 m Tiefe zulassen.
Mittlerweile ist es Nachmittag, und wir brechen zu einem Spaziergang auf. Über einen hölzernen Steg, der sich durch ein Lotusfeld zieht, gelangen wir zum Flanierweg am Yulong. Am Ufer stehen Seidenreiher, Karpfen gleiten im Wasser. Die ersten Bambusflöße mit Touristen treiben gemächlich den Fluss hinab. Schmetterlinge tanzen durch die warme Luft und suchen an den Blüten nach Rastplätzen. Plötzlich huscht, nur wenige Meter vor uns, eine etwa ein Meter lange Schwarznatter über den Weg – ein blitzschneller Schatten, der uns bei jedem Rascheln aufhorchen lässt. Wir setzen unseren Weg fort, zwischen Bambushainen, Flusslauf und Feldern, vorbei an einem gewaltigen Karstfelsen. Dahinter öffnet sich der Blick auf eine Villa, in deren umzäuntem Garten einige Rehe als lebendes Fotomotiv auf einer fast golfplatzartigen Rasenfläche umherstreifen. Ein weiteres Dorf folgt; immer wieder tönt ein Hupen vorbeiziehender E-Roller, die mit aufgespannten Sonnenschirmen durch die schmalen Gassen gleiten. Neben den Reisfeldern ragen Bananenstauden auf. Am Horizont erhebt sich ein im Kolonialstil gehaltenes Gebäude, mit einem zweistöckigen Dachgarten gekrönt. Schließlich stoßen wir auf die Sihe Avenue – eine vierspurige, menschenleere Straße, die wie ein Relikt gescheiterter Planung wirkt. Auf dem Rückweg begegnen wir Hibiskusblüten, Pomelos und die eigentümlich geschuppten Schlangenfrüchte. Vor einem Haus liegen Erdnüsse, die wie ein Teppich aus goldenen Körnern in der Nachmittagssonne zum Trocknen ausgebreitet sind. Wir starten die ganze Wäsche.
18 Uhr, Sonnenuntergang auf der Sky-Mirror-Dachterrasse. Die Selbstinszenierungs-Fotokulisse geht mit unter ins dunkle Schattenreich der Lotusschirme. Kein menschgemachter Eingriff kann die Schönheit dieser Wolkenweiden trüben, keine Lichtshow die ehernen Karstriesen aus ihrem Schlummer wecken. Seidenreiher kreisen durch brechende Bläue, versammeln sich auf einer Tanne. Hinter ihnen erhebt sich ein imposanter Cumulonimbus, aus dessen tiefem Blau ein Gold-Rot erwächst, das schleichend ins Weiß vergeht. Zwischen den schattig-grünen Türmen spannt sich ein Regenbogen auf. Ein Werden und Vergehen, das in einem rosanen Herz endet. Die Nacht legt ihren Schleier um uns. Hunde bellen. Ein Tanz im Wasser.
Unten an der Straße entdecken wir einen Spießestand, der uns an die überzeugende Erfahrung in Chengdu erinnert. Begrüßt werden wir von zwei Mischlingshunden, die Bodycams wie Halsbänder tragen – groteske Wächter des Grills.
Toni und Rafa entscheiden sich für ein gegrilltes Huhn; gemeinsam bestellen wir außerdem Frühlingszwiebeln, Brokkoli-, Kartoffel- und Auberginenspieße. Eine halbe Stunde, so heißt es, werde das Hühnchen benötigen – zur Überbrückung reicht der Betreiber, der aussieht wie ein Psychopath und Schlächter, uns Lotussamenköpfe. Zum ersten Mal begegneten sie uns in Shanghai, damals verzehrten wir sie allerdings noch mit Schale. Der Bauer öffnet die Blütenköpfe mit seiner müden, dunklen Daumenkralle, schält die Samen, bricht sie auf, entfernt den bitteren Keimling und verzehrt den Rest. Diese unscheinbaren Öko-Knabbereien werden rasch zum Naschhöhepunkt der Reise.
Eine gute Dreiviertelstunde später erscheinen die Auberginen: gewürzt mit einer pikanten, pommessalzähnlichen Mischung, bedeckt von einer ganzen Knolle gehackten Knoblauchs. Das Gemüse ist schmackhaft. Nach einer Stunde schließlich steht auch das Huhn, nach tausendfacher Wendung über der Glut, zerstückelt vor uns. Das Fleisch ist zart, beinahe wie pollo fino, doch wieder ist es dieselbe Würze, die das Abendessen in eine gewisse Einseitigkeit drängt.
Tag 22
Wir befinden uns in Guangxi, zum ersten Mal in einer auf provinzieller Ebene autonomen Region. Sie ist Heimat der größten ethnischen Minderheit Chinas, der Zhuang in Südchina, die rund 20 Mio. Menschen umfassen. Sie sprechen Tai-Kadai-Sprachen in überregional kaum verständlichen Dialekten. Sie verbindet jedoch eine gemeinsame Theologie, aus der das Epos Buluotuo entstand (bu = die Anrede für geehrte Älteste, „luo“ heißt „viel wissen“ und „tuo“ bedeutet „viele Dinge erschaffen“):
Das Epos Buluotuo ist das einflussreichste und berühmteste Epos der ethnischen Gruppe der Zhuang. […] 1958 wurde der erste Ausschnitt von Buluotuo entdeckt. Danach wurden in den folgenden Jahrzehnten mehr als 30 Handschriften in der Region der Zhuang entdeckt und gesammelt. In ihnen werden großartige Taten der Ahnen der Zhuang in dichterischer Weise niedergeschrieben. Diese Gedichte bilden inhaltlich eine einheitliche Reihe über die Schöpfungsgeschichte, die Entstehung von Sonne und Mond, die Schöpfung des Menschen, die Überschwemmung, die Heirat zwischen Brüdern und Schwestern, die Entstehung des Volksstamms, die Wanderschaft sowie das Niederlassen und den Ackerbau usw. […] Das Epos Buluotuo wurde hauptsächlich unter den Zhuang im Ober- sowie Mittellauf des Flusses Hongshui He, im Flusstal von You Jiang in Guangxi und im Gebiet von Wenshan Kil in Yunnan überliefert. Abgesehen von der mündlichen Überlieferung gibt es auch im Besitz der Geistlichen der Mo-Religion handschriftliche Manuskripte in Alt-Zhuang-Zeichen. Bis ins Jahr 2000 sind 39 Handschriften von Buluotuo gefunden worden, davon 35 in Guangxi und 4 in Yunnan. (Li, Jingfeng: Das Epos der Zhuang-Nationalität in China: Genese, Überlieferung und Religion). Bis heute bestehen nur fragmentierte Übersetzungen ins Englische und Deutsche. Bei Interesse kann Kapitel 5 der zitierten Dissertation gelesen werden.
Es sei zu erwähnen, dass schon früh die han-chinesische Kultur von zwei Richtungen ins Siedlungsgebiet der Zhuang eindrang. Auf dem einen Weg drang sie von Norden nach Süden durch politische Maßnahmen, wie z. B. die offizielle Einführung des Konfuzianismus und die militärische Eroberung, vor. Auf dem anderen Weg erfolgte ihr Vormarsch entlang des Perlflusses von Osten nach Westen durch die Einwanderung der Han-Chinesen, die von der östlichen Küste kamen und auf der Suche nach neuem Lebensraum und finanziellen Quellen waren. Mittlerweile sind über 60 % der Einwohner Guangxis Han-Chinesen.
Heute machen wir Urlaub. Bis 8 Uhr ausschlafen in unserer Luxus-Kühltruhe. Dichtes Plätschern auf den Marmorboden, 4-Step-Beauty-Routine. Aalglatt steigt man aus der Regendusche wie Daniel Craig. Auf der vorgewärmten Toilettenbrille noch die Reste mit der Sprühpistole entfernen. Dann gleiten wir hinüber ins Nebengebäude, um unser sicherlich kontinentales Frühstück zu uns zu nehmen. Die drei starken Männer reizen die kontinentalen Möglichkeiten so weit aus wie nur möglich, bei immer noch sehr chinesischer Auswahl. Bei solchen Preisen hätten die Kolonialherren eigentlich noch eine Käseplatte erwartet. Die Immersion ist sowieso brüchig, bei all den Bildschirmen in Aufzügen und Gängen, die uns Filmskripte für unseren Aufenthalt anbieten: eine rein edelmütige Persil-Familie läuft in Slow Motion in die Suite; das Bild auf der Deko-Staffelei in der szenischen Künstlernische im dritten Stock wird von einer gestriegelten Japanerin-Imitation gemalt.
Für den Tagesausflug leihen sich die Herrschaften drei E-Roller zu Spottpreisen. Nachdem wir aufbrechen, erinnert sich Rafa, dass er das Do Not Disturb-Schild nicht abgehängt hat. Per WeChat werden wir beruhigt: dem „Zimmerdiener“ wird unser Saustall nicht erspart bleiben. Bei allem Zynismus: den Auslands-Bourgeois zu spielen fällt uns nicht ganz leicht.
Mit den Rollern pesen wir durch die umliegenden Dörfer im Schatten der dunstigen Karstsäulen. Die Geschwindigkeitsbegrenzungen sind schwer einzuhalten: Davids Tacho zeigt durchgehend 19 km/h, Rafas 25 km/h, und Tonis Gewissen ist beim Überschreiten rein, denn hier scheint sich überhaupt niemand an die Vorgabe zu halten. Immer wieder werden wir von gackernden Alten auf beschirmten Rollern eingeholt, die uns frenetisch auf ihr Lokal aufmerksam machen wollen. An Touristen ist man gewöhnt, die Straßensiedlungen zehren von den Krümeln, die der Resort-Kuchen abwirft. Wir erreichen Chinas liebste Attraktion im Warenkorb „Scenic Area“. Der Wachmann am Parkplatz winkt uns einfach durch, um uns des Werbens um alternative Abstellmöglichkeiten zu undurchsichtigen Bedingungen seitens der einheimischen Lauerfrauen zu entledigen. Dann, hoch mit der Gondel über Gipfel, die wie Hochflor aus einem ewig grünen Teppich ragen – begleitet von seicht-epischer Werbemusik zur Attraktion, auf die wir gerade hinabblicken.
Peak Ruyi verdankt seinen Namen dem traditionellen chinesischen Glückssymbol Ruyi, das sich ursprünglich aus dem buddhistischen Ritualzepter und dem volkstümlichen Kratzstab entwickelte. Als eines der bekanntesten Symbole Chinas existiert es in vielfältigen Formen und steht stets für günstige Vorzeichen. Es verkörpert den innigsten Wunsch des Menschen und verheißt Glück im Sinne von „Alles möge gelingen“ und „Möge sich alles erfüllen, was du dir erhoffst“ – sei es in Gesundheit, Studium, Beruf oder Lebensweg.
Oben an der Spitze des Berges angekommen, stehen wir auf einer 360°-Aussichtsplattform, die einen überwältigenden Blick auf die Wunder dieser Landschaft bietet. Mittig ein großes Yin und Yang. Scheinbar gehört der triefend verschwitzte Toni für eine chinesische Besucherin auch zu den Highlights. Er wird an der Hüfte gepackt und für ein Foto umgedreht. Das Gruppenfoto ist der Bedrängerin noch nicht genug. Sie macht noch einmal kehrt, packt sich das Objekt ihres Begehrens, hält ihm die Linse vor und befiehlt bloß: „Take Picture“. Der verunsicherte Zeigefinger befreit den Dehydrierten, die quälende Hitze wird wieder zum größten Feind.
Nun haben wir die Augenblicke für uns. Wir erkennen Waldabschnitte im Karomuster. Diese rühren wohl daher, dass während des Großen Sprungs nach vorn (1958–1961) auch an steilen Hängen alle Bäume gefällt wurden, um – wie befohlen – in kleinen, völlig unproduktiven Hochöfen minderwertigen Stahl zu erzeugen, was nur kahlen Fels zurückließ. Es galt die Aufforderung an die Bevölkerung, in selbstgemachten Hinterhofhochöfen Eisen aus Küchenbesteck zu schmelzen und es der Industrie zur Verfügung zu stellen. Das geschmolzene Eisen war in der Regel wertlos und konnte kaum einen nennenswerten Beitrag zur Industrialisierung leisten. Mit Unterstützung der Regierung wurden zahlreiche Maßnahmen zur Renaturierung eingeleitet: Aus Ackerland wurde Buschland und Forst. Eine Minderung der Naturbelastung erhofft man sich auch hier durch eine Abwanderung in die Städte 1 (China: Geographien einer Weltmacht, Sina Hardaker, Peter Dannenberg (Hrsg.)).
Wir laufen den Rundgang weiter über eine große Glasbrücke auf Stahlstützen, die wieder in Rot gehalten wurde. Unsere Schuhe bekommen Überzüge. Warnschilder wie „Ban Frolic“ und „Slip carefully“. Dann am Rand des Hangs entlang zur Gondel.
Zurück im Hotel wird uns eine Etagere mit Obst, Kuchen, Sojajoghurt und Waffeln serviert. Wir verbringen noch etwas Zeit im Pool und besuchen den minimalistischen Fitnessraum.
Wir schwingen uns auf die Roller und rasen Richtung Yangshuo. War die Stadt in den 80er Jahren noch ein Geheimtipp für Backpacker, so ist sie heute ein Resortstandort für gutbetuchte inländische und ausländische Touristen. Auf der West Street sprechen Verkäufer und Lokalbewerber einen auf Englisch an, zum ersten Mal bemerken wir Westler im Getümmel. In ausgestorbenen Klub-Restaurants, die die Leere in sich nicht durch nach außen dröhnende Musik füllen können, schwingen Idealschöne in Kostümen Leuchtstäbe im Takt wie in einem Kasperltheater, um leichtgläubige Tourimotten anzuziehen. Wir gehen unter im wohlig-munteren Treiben der Menge, betrachten die hübschen Gesichtszüge der Zhuang, schwingen in den warmen Lichtwellen der Standbarken.
Wir legen in einem sicheren kulinarischen Hafen an. Der Empfang ist herzlich, nicht aufdringlich werden wir in gutem Englisch betreut. Man beweist Verständnis des Konzepts Vegetarismus. Gebratene Reisnudeln, frittierte Wantons und ein mysteriöser Nongshuigu-Fisch in einer delikaten Biersoße. Bis auf die vegetarischen Wantons, die unnötig labbrig und fettgetränkt sind, zeigt sich die chinesische Küche von ihrer besten Seite. Auf der Kokosdrink-Dose, auf der ein ganzer Werbe-Koran abgedruckt ist, räkelt und verrenkt sich eine Dame in Weiß. Die ästhetische Erfahrung wird kurzerhand vom Schöner-Wohnen-Horter eingesteckt.
Dann drehen die Räder durch: elektrisches Surren, roter Staub in der Heckleuchte. Slalom durch dunkle Nischen-Serpentinen, Schlängeln durch Roller-Karawanen. Im Ampelrot treffen sich unsere Blicke mit zwei Teenies auf dem Rücken einer E-Bestie. Wir grinsen uns an… 3… 2… 1! Beschleunigung auf 60 km/h in unverantwortlicher Zeitspanne. Die Jungs geben dem Affen Zucker, da können unsere pinken Bärchen-Roller nicht mithalten… aber die Touristen-Straßenrennen-Falle endet dann, wenn wir es sagen. Überholmanöver mit großem Gehupe und Gejubel, doch – ein anderes Pärchen unter einem Cocktailschirmchen zieht aus dem Windschatten vorüber. Wir folgen der Rollerherde, die von einer zahnlosen Oma angeführt wird, über eine rötlich erleuchtete vierspurige Kreuzung. Schwüle Abendluft um die erregten Gesichter, quietschende Bremsen. Punktgenau zum Abgabezeitpunkt kommen unsere Reitesel vor dem Dienstbotenzimmer zum Stehen, und wir erschlaffen in den duftenden Laken.
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Natur: »Der Mensch orientiert sich an der Erde, die Erde am Himmel, der Himmel am Dao, und das Dao orientiert sich an seiner eigenen Natur « Solche Weisheiten des Daode jing, aber auch die Yin/Yang-Lehre, die korrelative Kosmologie und die steten Mahnungen an den Herrscher, gemäß den Jahreszeiten zu handeln, suggerieren eine tiefe Naturverbundenheit ›der Chinesen, eine Harmonie mit der Umwelt, die uns abhandengekommen sei. Tatsächlich war die Natur für Chinesen zunächst wild, unwirtlich und bedrohlich. Chinesische Bauern haben stets mit ihren Launen gelebt, haben mit der Natur gekämpft, sie zugerichtet und ihr Schätze abgerungen. Sie haben Sümpfe trocken-gelegt, Kanäle gegraben, Berge terrassiert, Flüsse eingedeicht und Tiere ausgerottet. Wo Chinesen hinkamen, verdrängten sie die Natur. Schon ein Text aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. berichtet: Wälder wurden niedergebrannt für die Jagd, ganze Bäume wurden verfeuert und Öfen angeheizt, um Bronze und Eisen zu schmelzen. … Auf den Bergen blieben keine hohen Bäume, in den Wäldern weder Seidenwurmdorn noch Trompetenbäume. Bäume wurden zu Holzkohle verbrannt, Gräser zu Asche gemacht, so dass Flur und Wiesen kahl blieben und nicht zur Blüte gelangten. Oben verdunkelte sich das Licht des Himmels, unten erschöpften sich die Schätze der Erde. (Huainanzi) Schon im 1. Jahrtausend n. Chr, waren die ausgedehnten Wälder Nordchinas abgeholzt, und mit der Erschließung des Südens wurden auch dort die Wälder kahlgeschlagen. Erosion und Landgewinnung auf Kosten von Seen, vor allem am Yangzi, führten zu verheerenden Fluten, die China seit 2000 Jahren plagen. Das natürliche Gleichgewicht war bereits erheblich gestört, als Mao Zedong im 20. Jahrhundert einen regelrechten »Krieg gegen die Natur« ausrief. Die Natur müsse erobert« werden: Weizen war im »Sturmangriff« zu säen, Schädlinge waren auszurotten, »Siege« gegen die Fluten zu gewinnen. Für die Hinterhofhochöfen des Großen Sprungs wurden innerhalb weniger Monate 10 % der Waldfläche Chinas abgeholzt. In Sipsóng Panna (Yunnan), das noch 1940 zu 70 % aus Regenwald bestand, waren 1980 nur noch 26 % Waldfläche geblieben. Riesige Projekte wurden in den 1950ern und 1960ern lanciert, um die Natur untertan zu machen. Die Yangzi-Brücke bei Nanjing war ein Vorzeigeprojekt, das die Überlegenheit des Sozialismus symbolisierte. Spektakulärer noch war der Bau der Eisenbahn von Kunming nach Chengdu: über 1000 km wurde sie durch fast unbezwingbares Gebirge gelegt; 427 Tunnel und 999 Brücken waren dazu notwendig; über 300 000 Menschen haben daran gearbeitet - wie viele gestorben sind, kann man nur ahnen. Vor allem wurden Wasserbauprojekte unternommen: Dämme, Reservoire, Kanäle. Allein zwischen 1958 und 1961 wurden 100 Millionen Bauern zu solchen Arbeiten gezwungen, die mit einfachsten Geräten: Schaufeln, Pickeln, Türen als Schubkarren, Milliarden Kubikmeter Erde umgruben. 1959 sollen sie in einer einzigen Woche zwölfmal so viel Erde wie beim Bau des Panama-Kanals bewegt haben! […] Seit den 1980er Jahren haben Industrialisierung und Urbanisierung Millionen Hektar Ackerland verschlungen und durch den gesteigerten Wasserverbrauch zu extremer Wasserknappheit, vor allem in Nordchina, geführt. Ganze Flüsse sind durch ungefilterte Industrieabwässer vergiftet worden, Fabrikschlote, Autoabgase und Kohleöfen - noch immer gewinnt China zwei Drittel seiner Energie aus Kohle - führen zu lebensgefährlicher Luftverschmutzung. Schon 2015 errechneten Wissenschaftler, dass Smog jährlich zum vorzeitigen Tod von 1,6 Millionen Chinesinnen und Chinesen beitrage: jeder sechste Todesfall in China hängt mit der Luftverschmutzung zusammen. China ist heute der größte CO2-Emittent der Welt. Der 14. Fünfjahresplan, 2021 bis 2025, sieht zwar eine Reduktion des CO2-Ausstoßes um 18 % vor, gleichzeitig aber baut China so viele Kohlekraftwerke wie der Rest der Welt zusammen: Chinas Kampf mit der Natur geht weiter. (Vogelsang, Kai; Geschichte Chinas) ↩︎