12/13 Perlflussdelta

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Tag 23

Heute heißt es Abschied nehmen von der Karstregion. Das Hotel gewährt uns ein Late Check-out bis 13 Uhr – ein kleiner Gefallen, den Toni und David sofort in den Fitnessraum investieren. Rafa zieht los in die matschige Idylle der Felder, auf der Suche nach Düngemethoden und Pestiziden. Auf Trampelpfaden stolpernd durch Lotusfelder, Zitrusbäumchen und wuchernde Bohnenranken. Die Plastikverpackungen an den Pausenplätzen der Bauern haben längst ein zweites Leben als Regenplane oder Teppich begonnen.

Nach dem Check-out lassen wir uns vom Hotel zur West Street chauffieren, wo ein Besuch beim Postamt auf dem Programm steht. Der Bahnhof liegt eine gute Dreiviertelstunde außerhalb, in einer Landschaft, die man nur als Ödland deluxe bezeichnen kann. Der Ticketkauf verläuft stressig, aber erfolgreich, und schließlich marschieren wir durch die Waggons. Rafa entdeckt dabei ein aufgeschlagenes Buch. Die Kopfzeile liest: „ERSTES BUCH – Der Produktionsprozeß des Kapitals“. Das igelige Haar des Lesenden verrät ihn als Chinesen, doch trägt er Marx höchstpersönlich bei sich. Rafa kommentiert die Szene lautstark, woraufhin der Mann verdutzt aufblickt, das Buch zuklappt und uns grinsend die rote Anaconda-Ausgabe mit Marx’ Gesicht präsentiert – fast so, als sei es ein Familienalbum. Wir verstauen unser Gepäck und kehren prompt zurück, um mit ihm ins Gespräch zu kommen. Er kommt später noch zu uns vor, um das Gespräch fortzuführen. Die Informationen sind im Folgenden zusammengefasst.

Er liest die deutsche Ausgabe, um sie mit der chinesischen anzugleichen. Soweit sei alles gleich und gut übersetzt. Marx würde aber von Jüngeren in China nichts mehr gelesen werden. Er hat zu Diplomzeiten zwei Jahre Deutsch gelernt und sechs Jahre an der TU Darmstadt Elektrotechnik studiert. Dort hat er sich zwar wohl gefühlt, aber nie heimisch. Seitdem hat ihn auch keiner der Studienfreunde in China besucht. „So far away.“ Als er kurz nach Beginn seines Studiums 2008 seine Heimat besuchte, ereignete sich dort ein Erdbeben der Stärke 7,9 – da wurde ihm klar, dass er im Notfall seine Eltern nicht rechtzeitig erreichen könnte. Er ist Mitte 40, ursprünglich aus Chengdu (Sichuan). Mittlerweile lebt und arbeitet er mit seinen Eltern, Frau und Kindern in Guangzhou bei einem Netzbetreiber. Ein Zacken im großen Zahnrad, eine einfache Arbeit, die erst, wenn man sie hinreichend subsumiert, ein komplexes Gefüge ergibt.

Wir fahren rund eine Stunde mit 250–300 km/h durch das Perlflussdelta 1. 72–85 Mio. Menschen sollen hier auf einer Fläche von Thüringen leben. Unser Ziel ist Shenzhen, das nur noch eine Bucht bzw. ein Fluss von Hongkong trennt.

Angekommen treffen wir auf die größten Menschenmassen bisher. An der Metrostation des Nordbahnhofs: links, rechts Rolltreppen, hoch, runter, keinen Zentimeter Platz. Köpfe geradeaus, zurück, Linie 4, 5, 6. Wir drängen uns ins Offene. Wasserwände spülen durch Versiegelung.

Wenn einen der Hunger durch ein Land treibt, dessen Küche man nur genießen kann, wenn man von klein auf an sie gewöhnt und auf sie hin abgehärtet wird – eine Küche also, die einen ganz eigenen Gütestandard verlangt, der für die Wertschätzung keiner anderen Küche der Welt nötig ist und dadurch sonst universelle Maßstäbe außer Kraft setzt –, dann verfällt man zum niedrigsten Abkömmling der europäischen Entdeckerlust: dem US-Amerikaner. Und man geht zu McDonald’s. Wir werden dafür bestraft werden… Am einzigen funktionierenden Bestellbildschirm werden wir von einem analogen Cookie belästigt. Die übermotivierte Dame reißt uns fast die Smartphones aus der Hand und startet einen mindestens zwanzig Schritte langen Durchklick-Prozess: Zustimmen, Erlauben, Weitergeben – bis Toni am Ende vermutlich unterschreibt, seine Innereien einem Wursthändler in Xi’an zu vermachen. Alles nur, um den 30-Tage-VIP-Status zu bekommen, der zwar 19 RMB kostet, sich aber beim Kauf von zwei Spar-Kombo-Paketen mit 40 RMB „lohnt“. Die Prozedur ist so qualvoll, dass wir schon bei Ankunft so leer sind wie der Inhalt auf den uns umgebenden Retinas.

Shenzhen ist das markanteste urbane Symbol für den dynamischen Wandel in China. Hier wurde 1980 die erfolgreichste der vier frühen Sonderwirtschaftszonen Chinas als ein erstes Experiment der sogenannten „Open-Door“-Politik gegründet. Lebten 1980 noch zwischen 60.000 und 300.000 Menschen auf dem damals rund 400 km² großen Territorium der Stadt, waren es 2010 auf dem inzwischen gut 2000 km² umfassenden Stadtgebiet schon 10,4 und 2020 bereits 17,5 Mio., bei anhaltendem Wachstum. In der ersten Entwicklungsdekade der 1980er-Jahre wurde die Shennan Road als zentrale ost-westlich verlaufende Leitachse ausgebaut sowie 1982 das „Electronic Building“, 1983 acht kulturelle Einrichtungen – darunter Bibliothek, Grand Theater, Shenzhen- und Wissenschaftsmuseum, Universität und Stadion –, 1985 das Shanghai Hotel und 1986 das International Trade Center errichtet. Es entstand chinaweit das erste Cluster kommerzieller Hochhäuser (Sun und Xue 2020). Im folgenden Jahrzehnt trieben vor allem Investoren aus Hongkong die Entwicklung voran. Aus dieser Zeit stammt etwa das Diwang Building, mit 383 m damals das höchste Gebäude Asiens. Zu Beginn der 2000er-Jahre wurden Modernisierung und Globalisierung in ganz China mit aller Wucht deutlich; China trat der Welthandelsorganisation bei, richtete die Olympiade in Peking (2008) und bald darauf die Universiade, die World University Games, in Shenzhen aus (2011). Zeitgleich wurden das neue Verwaltungszentrum und umfangreiche Schnellzug- und Autobahnnetze fertiggestellt. Mit dem erstmals überhaupt international für einen CBD (Central Business District) ausgeschriebenen Gestaltungswettbewerb wurde Shenzhens Futian CBD zum Modell für zukünftige chinesische Stadtplanung, das Civic Center mit seinem Rochenflügel-Design zur architektonischen Ikone. Mehr als die Hälfte sogenannter „Landmark Buildings“ wurde von internationalen Architekten, zumeist aus den USA, gestaltet – womit Shenzhen inzwischen sichtbar von einer marginalen Grenzstadt zu einer Global City geworden ist (Sun und Xue 2020). (China Geographien einer Weltmacht, Sina Hardaker, Peter Dannenberg (Hrsg.))

Die Unterkunft liegt im Futian-Distrikt, jener Vorzeige-Planstadt Shenzhens, wo Finanzwesen und Glasfassaden die Nacht erleuchten. Das Gebäude ist von einem Zaun umgeben, nur eine Schleuse gewährt Einlass. Im 22. Stockwerk betreten wir schließlich einen Aufenthaltsraum: Gepäckberge, Couch, Beamer, Futon-Ecke – nur eine Rezeption fehlt. Vielleicht ist sie schon so „high tech“, dass man sich selbst einchecken soll?

Wir rufen an, doch erst ein anderer Hostelgast übersetzt uns die Antworten. Ernüchterung folgt: Das Zimmer, das wir gebucht hatten, ist angeblich nur für eine Person. Die Beschreibung versprach aber großzügig Platz für acht. Trip.com wird eingeschaltet. Während die Hotline versucht, die „schinische“ Abteilung zu erreichen, betritt ein junger Mann die Szene – 1,60 m groß, ausgestattet mit Powerbank und Schraubenzieher. Er wurde geschickt, um uns zum Manager im 15. Stock zu begleiten. Es stellt sich heraus: Er ist einer der acht Lakaien aus dem Harem einer jungen Frau, die in einer Ecke hinter ihrem Laptop sitzt und dort gerade die Welt neu ordnet. Der grelle Aufenthaltsraum der bleichen Trolle ist ein Sinnbild für das gegenwärtige Opium des chinesischen Volkes: eine Online-Höhle. Ein Ranghoher am Hofe, mit unglücklich gewachsenem Gebiss und einer verwirrenden Mischung aus Unter- und Überbiss, spricht uns in passablem Englisch an. Er hat einen Abschluss in Kunstgeschichte, meint sogar, sich an manch einen deutschen Künstler erinnern zu können, tut sich auf Nachfrage dann jedoch leider schwer damit. Zwischen den Sätzen lacht er nervös, so als würde ihm die Absurdität seiner Lebensumstände für einen Augenblick schlaglichtartig bewusst. Arbeiten tut er hier. Was verblüffend ist, da er und seine sieben Kollegen bisher eigentlich noch nichts gemacht haben, was man als Arbeit bezeichnen könnte. Dennoch, hierfür hat er einen langen Marsch aus dem fernen Shanxi hingelegt, denn seine Heimatstadt liegt nahe des Heng Shan, einem der fünf heiligen Berge des Daoismus, den wohl auch der große Vorsitzende überqueren musste.

Die Plattform gewährt uns eine kleine Entschädigung, doch am Ende müssen wir dennoch draufzahlen – die einzige Alternative in der Nähe wäre das Hilton gewesen, was wiederum ein anderes Kapitel unserer Abenteuer eröffnen sollte. Die junge Frau erhebt sich schließlich, führt uns ganze zwei Meter nach links und öffnet die Tür zu unserem „Ersatzquartier“: einem kompakten Zwölferzimmer.

Ein junger Mann mit imposantem Schädel erhebt sich von seinem Bett, mustert Rafa und spricht in der Ruhe eines fernöstlichen Weisen: „The bed is not your size. Maybe you will find your size.“ Mehr war seiner Philosophie nicht hinzuzufügen. Tatsächlich sind die 1,85 m nur in der Diagonalen lang genug.

Die Sanitäranlagen erweisen sich als weitere Lektion: Zwei von drei Duschen funktionieren wie Spielautomaten – zehn Knöpfe, klick klick, passieren tut nichts. In den Toiletten wohnt der unspülbare „Alligator brunneus“. Bei diesem Anblick formuliert der gutmütige David den kanonischen Satz: „Ab jetzt wird es meine Lebensaufgabe, China klein zu halten!“

Bevor wir uns wieder in den nächtlichen Regen werfen, um diesem Mief der Siechenden zu entfliehen, fahren wir noch mit dem schwerfälligen Fahrstuhl in den 28. Stock auf die Dachterrasse. Tageshelle über dem rostigen Rohrgeäst.

Shenzhen ist wirklich ein wüstes Land. Nichts von der erwarteten Cyber-Ästhetik. Keine blau getünchten Kristallpaläste. Keine Roboter, die wie in den Propagandafilmen im Highspeed-Zug ihre eigenen Akkus wechseln. Wenn überhaupt, gibt es hier mal eines dieser nutzlosen waschmaschinenförmigen Rollgeräte, deren Absurdität selbst im heimischen Rewe nicht verheimlicht wird. Eine trostlose, graue Ebene, umstellt von eindimensionalen Hochhäusern, deren farbiges Werbespiel reizlos verblasst. Ein menschenfeindlicher Plan; man fühlt sich, als würde man in einem Videospiel umherlaufen, in dem alles Kulisse ist – unbegehbar, unbelebbar. Monumentale Nichtigkeit. Hinter den hochmodernen Fassaden haben sich die gleichen schäbigen Läden eingenistet, die wir aus anderen Städten kennen. Wasserfälle am Hilton-Gemäuer. Aufgespritzte Damen und aufgepumpte Herren. Plötzlich nur noch weiße Fratzen… und dann, neben all den Edelschlitten im Fuhrpark, ein lagerhallengroßes, unverputztes, quadratisches Loch im Einheitsgemäuer der Wolkenkratzer. Davor erscheint der teilnahmslose Wächter vor seinem deplatzierten Ventilator zwergengroß. Wir laufen durch das betonene Nichts zwischen Hilton und China Guangfa Bank und betreten Narnia…

Ein Kennzeichen des Perlflussdeltas sind die „Dörfer in der Stadt“ (auch Stadtdörfer, urban villages, villages in the city; chengzhongcun). Dorfgemeinschaften, die ihr Ackerland für Gewerbegebiete aufgeben mussten, bauten meist drei- bis fünfgeschossige, oft sogar noch höhere Wohnblocks, die mit großem Gewinn an die Wanderbevölkerung vermietet werden (Fokdal und Hackenbroch 2019, 78). Gu et al. (2007, 2) schätzen, dass um 2005 allein in Guangzhou mindestens die Hälfte der mehr als 5 Mio. Wanderarbeitskräfte in solchen Siedlungen lebte. Da die Fläche möglichst maximal genutzt wird, nehmen die Bebauungsdichten immer mehr zu (Sieren 2021, 23–36), doch die sozioökonomischen und Versorgungsbedingungen, einschließlich der Bildungs- und Gesundheitsversorgung, sind oft unverändert marginal, teils prekär (Bork et al. 2011a, b). Neben alteingesessenen Bewohnern halten allerdings auch regionale Bevölkerungsgruppen der Wanderarbeiter eng zusammen, sodass Versorgungsengpässe durch kleinräumige soziale Netzwerke und Nachbarschaftshilfe abgefedert werden. Da sich die Bewohner oft administrativer Kontrolle und Eingriffen entziehen, sind die Bevölkerungszahlen oft unbekannt; so leben in Baishizhou, einem „Stadtdorf“ in Shenzhen, offiziell 85.000, wahrscheinlich aber bis zu 150.000 Einwohner (Sieren 2021, 24). Baulich fallen diese Stadtdörfer mit ihren dicht gepackten, kleinräumigen Strukturen auf, da sie meist von weiträumig konzipierten Hochhäusern umgeben sind, die ebenfalls durch private Investoren errichtet wurden. Weil die Stadtdörfer als soziale Problemgebiete angesehen werden, zerstört man sie im Zuge von Sanierungsmaßnahmen; die Bewohner werden, oft nach sehr kurzfristigen Warnungen, einfach vertrieben (Gransow und Hackenbroch 2019, 83). Sozialgeographisch spiegelt sich die gesellschaftliche Vielfalt und Schichtung in baulicher Segregation. Neben sanierungsbedürftigen Vierteln für die unteren städtischen Einkommensschichten und einen Teil der Wanderarbeiter entstanden seit Beginn der 1990er-Jahre großzügige, an globalen Maßstäben orientierte Siedlungen für die ständig wachsende Mittelschicht (z. B. Bork-Hüffer 2019a, 56, b). Die Ober- und gehobene Mittelschichten kapseln sich in gated communities ab, […]. (China Geographien einer Weltmacht, Sina Hardaker, Peter Dannenberg (Hrsg.))

Wir betreten die Heterotopie: den anderen Ort, jenseits der Plangesellschaft. Ein realer Zwischenraum eigener Zeitlichkeit und doch dem großen Anderen parallel geschaltet. Das Unbewusste des grauen Giganten, sein dunkles Geheimnis. Endlich Leben. Der lockende Schein des überfüllten Lebensmittelbüdchens: kein Regen dringt durch das geflickte Dach in das enge Gassenmosaik. Eine Ladenbeleuchtung wirft Licht auf eine existentielle Gestalt, die mit überschlagenen Beinen, Oberkörper frei, dasitzt und durch die Zigarette hindurch das Weltgeschehen kontempliert.

Alles Lebensnotwendige muss hier bereitgestellt werden: Läden, die ausgerupfte Klimaanlagen und Boiler anbieten; vier entblößte Männer spielen vor einem Raum voller Kisten Xiangqi, daneben ein Nagelstudio. Gemüsehändler, räudige Schlachter, blubbernde Plastiktanks vor der Fischauslage. Eine vielfältige Gemüseauswahl vor dem Nudellokal, die drinnen nach eigener Zusammenstellung verkocht wird. Auf die „Hauptstraße“ fällt der kalte Blick der Hilton-Inschrift, herabgelassen aus dem alles überragenden Schatten der Schmierfassade. Aus dem Abortrohrgeäder an Kachelhäusern wächst fertiles Gestrüpp.

Rafa tritt in einen begehbaren Grill und erwirbt für 30 Cent eine gut gewürzte Auster. An der Abzugshaube, die den ganzen Laden dominiert, klebt der Bezahlcode. Daneben leuchtet der Schriftzug „hina tel com“. Hier sprechen die Leute miteinander, scherzen, gehen ihrer Tätigkeit nach, betrachten das Treiben. Wir werden kaum beachtet. In unserem Nudellokal zahlen die Leute noch mit Bargeld, das in einer Tupperdose oberhalb des Herds gesammelt wird. Die Köchin schaut uns dreimal fragend an, bevor sie zwei Esslöffel Chili in den Wok wirft. Diese Küche braucht sich nicht zu verstecken: fruchtige Schärfe, subtile Aromen, angenehme Texturen. Die Betreiberin wirkt stolz, dass wir so scharf gegessen haben – und sie darf stolz auf ihre Speisekarte sein.

Wir sehen noch ein paar torkelnde Jugendliche, die Arm in Arm in Peking-Bikinis die Straße hinaufalbern. Ein ernst-eifriger Koch dreht Spieße; seine Frau tritt hinzu, packt ihn von hinten am Gesäß und küsst ihn auf den Nacken. Diese Slums sind der letzte Zufluchtsort eines selbstbestimmten Lebens – das man, beim Anblick der ärmlichen, winzigen Stapelwohnungen, wenn schon nicht menschenwürdig, so doch immerhin menschlich nennen kann.

Und so folgt man nach wie vor dem kategorischen Imperativ Agnolis: „Handle nach der Maxime, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ (Agnoli, Johannes, 1987: Von der kritischen Politologie zur Kritik der Politik)

Tag 24

Unsere morgendliche Mission umfasst zwei Punkte: 1. Frühstück, 2. ein Postamt finden. Erster Versuch: das Stadtdorf von gestern Abend. Doch weder das kulinarische Angebot überzeugt, noch die Poststellen – beide beschränken sich auf Paketabholungen oder den Verkauf von Briefmarken, aber internationale Postkarten? Fehlanzeige. Auf dem Rückweg zum Hostel bleibt uns nur der Boxenstopp bei der goldenen Möwe, wo wir seit dem Vorabend wider Willen den VIP-Status in der AliPay-App tragen.

Nach dem Packen bestellen wir ein DiDi, das uns scheinbar zum Mini Logistikzentrum chauffiert. Dort liegen Mitarbeiter auf Feldbetten, die Gesichter mit Broschüren bedeckt, während andere routiniert Pakete sortieren. Auf unsere Frage, ob man hier auch Briefe aufgeben könne, erhalten wir die mit der App übersetzte Antwort: „Heirate mich, klicke einfach darauf und alles wird gut.“ Vielleicht lag das Missverständnis nur daran, dass „draußen steht ein Briefkasten“ im Chinesischen ähnlich klingt.

Wir fahren weiter zum Bahnhof, erreichen nach einer Viertelstunde Hongkong West Kowloon und durchlaufen das Einreiseprozedere. Rafa, schon durch die Kontrolle, beobachtet, wie am Schalter der Grenzbeamten eine kleine Galerie mit Davids Porträts auf dem Bildschirm erscheint, die wohl an unzähligen öffentlichen Orten in China geknipst wurden. Kurz darauf sind auch unsere Pässe gestempelt. Willkommen in der Sonderverwaltungszone.

Das Welcome Guesthouse… Online beworben mit strahlenden Bildern: saubere Zimmer, offene Fenster, Gemälde an den Wänden, makellose Ablagen. Die Wirklichkeit? Eine Farce. Die Fotos sind so gründlich übertuscht, wie wir es bisher nur von weichgezeichneten Porträts kannten. Unser Zimmer befindet sich im 14. Stock eines Gebäudes, das allein vor den Fahrstühlen unseres Flügels an die 30 unwirtlich anmutende Hotelnamen abdruckt. Besagter Aufzug befindet sich gleich am Anfang einer ausgedehnten, niedrig deckigen Passage, in der Wechselkurse auf Leuchtschildern schäbiger Büdchen funkeln. Ein reges Treiben. Vor dem Eingang und um die Büdchen auffällig viele Inder… eigentlich fast nur Inder! Der Fahrstuhl weckt kein Vertrauen in das Etablissement, draußen werden Kameraaufnahmen des Innenraums auf Bildschirmen abgebildet, innen scheinen Reparaturen fällig, es mieft. Unser Stockwerk bietet uns nichts als verschlossene Türen und auffällig viele Schaben. Ein Schild ordert uns in den 6. Stock, wir warten schweißgebadet auf den einzigen Fahrstuhl, der uns hinunter befördern kann, klingeln die Rezeption an ihren verwaisten Arbeitsplatz zurück und kehren mit Türcode und Zimmerschlüssel in unser Stockwerk zurück. Ein Beepen, die Tür klackt auf, wir laufen auf weißen Badezimmerkacheln einen minenschachtdünnen Gang entlang. Ein stinkender, abgemagerter, halbnackter Eremit mit wirrem Blick geistert uns entgegen. Der Schlüssel dreht um, wir krümmen uns vor Lachen. Auf 8 m² ist es den Betreibern meisterhaft gelungen, zweieinhalb Betten und ein 3-in-1-Sanitärsystem zu verstauen. Zerfetzte Tapete, Lichtschalter und Steckdose hängen an bunten Fäden, verstaubte, schief hängende Gemälde zweideutiger Aufschrift: „Love yourself harder”. Wir schütteln die Bilder, die durch die Aufschrift evoziert werden, aus den Köpfen, schalten die antike Klimaanlage an, die über die Ambiente-Einstellung Subtropen und Eiszeit verfügt, werden auf der Flucht zum Fahrstuhl leider aber noch von einem weiteren Poltergeist heimgesucht. Weit aufgerissenes, gläsernes Blau starrt uns aus einem Brillengestell an: „Im here vor Business… it’s not nice here. I work in plasma purification.” Meine Herrn! Das klingt aber nach Raketenwissenschaft. „Do you have clean air in Germany?… Oh yes? Good… oh I’m from the States, Connecticut… beautiful Nature… oh yes we have clean air… and we pay a lot of taxes… 10%!”

Wir stapfen los. Die Vorboten des Taifuns RAGASA, der gerade vor der Küste der Philippinen schlummert, erschweren Sicht und gemütlichen Gang. Wir laufen unter bambusgerüsteten Schleierfassaden. Die meisten Baugerüste in Hongkong (als letzte Metropole) sind heute noch aus Bambus, in Nylonnetzen eingewickelt und mit Bändern zusammengezurrt. Als Churro-Liebhaber und Connaisseure bleibt es ohne Frage, dass wir einen Stopp beim michelinempfohlenen Twist & Buckle einlegen. Zu dritt teilen wir uns ein Dutzend gefüllte Churros. Zur einen Hälfte eine perfekte Dulce de Leche und zur anderen eine Nutella, die als Chocolata besser gewesen wäre – doch diese Knusprigkeit und Oberflächenmaximierung durch den innen hohlen Sternzylinder! Die besten, die wir je hatten. Über die Straße, die von den ikonischen roten 97er Toyota Crown Comfort Taxis gesäumt ist, zum Victoria Harbour, vorbei am Museum and Cultural Center. Unser erster Blick auf die Skyline vom Stadtteil Central auf Hongkong Island.

Zu unserer Rechten die Fassade des Hong Kong Museum of Art, die hauptsächlich aus modularen, dreidimensionalen Faserzementplatten besteht. Quadratische, konkave Paneele sind in minimalistischen H-förmigen Mustern angeordnet. Außenflächen in Naturtönen erzeugen wechselnde Lichteffekte, die sich je nach Einfallswinkel und Intensität des Sonnenlichts verändern und im Kontrast zu den schimmernden Wellen des Victoria Harbour stehen. Das Design soll den besonderen Standort des Museums betonen und lässt den Gebäudekomplex harmonisch in die Uferpromenade des Tsim Sha Tsui Hafens einfügen.

Zu unserer Linken das beeindruckende Gebäude der K11 MUSEA Artmall. Entworfen vom renommierten Architekturbüro Kohn Pedersen Fox Associates. Gefertigt aus seltenem portugiesischem Kalkstein, ist die Fassade terrassenförmig abgestuft und bildet einen lebendigen Hügel aus grünen Terrassen. Als üppiger, grüner Kontrast zur steinernen Fassade wurde die Greenwall vom thailändischen Landschafts- und Designstudio PLandscape gestaltet. Sie verwendet eine Vielzahl von Pflanzen, um ein fließendes botanisches Element zu schaffen, das die Struktur sowohl weicher erscheinen lässt als auch mit den geschwungenen Linien des Hafens harmoniert.

Hinter uns erschließt sich die wohl schönste und prominenteste Perle kolonialen Baustils: das Peninsula Hotel. 1928 fertiggestellt, wurde es in den 30er-Jahren zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt, an dem die Schönen und Reichen – wie der Duke of Gloucester oder Charlie Chaplin – Bälle, Tanzabende, Dinners und Partys veranstalteten. Im Dezember 1941 wurde das Hotel dramatischer Schauplatz des japanischen Einfalls. Gouverneur Sir Mark Young unterzeichnete im Hotel die Kapitulationsurkunde. Anschließend nutzten die Japaner das Hotel zwei Monate lang als Hauptquartier der Verwaltung. Dieses prächtige Gebäude gilt als das repräsentativste Beispiel für die italienische Renaissance- und Barockrevival-Architektur in Hongkong. Der siebenstöckige Bau wurde in H-Form errichtet, mit einer kleinen Piazza samt Marmorspringbrunnen an der Front. Die streng symmetrischen Fassaden sind reich mit klassischen Stilelementen gestaltet, darunter rustiziertes Mauerwerk, Rundbogenfenster, Schlusssteine sowie ein stark hervortretendes Kranzgesims auf Höhe der Attika, was dem Hotel das Aussehen eines italienischen Palazzo verleiht. Zudem ist das Hotel für seine Rolls-Royce-Flotte im unverwechselbaren „Peninsula Green” bekannt. Die Silver Shadow Modelle der früheren kleineren Kolonne werden im 74er James Bond „The Man with the Golden Gun” (ein Gruß an Marco) Gegenstand des Gesprächs. In Batman – The Dark Knight nutzte Christopher Nolan die Kulisse für die in Hongkong spielenden Szenen.

Wir enden den Rundgang um das bumerangförmige Hong Kong Cultural Centre vor der schönen Backsteinfront in Granitrahmung des Former Kowloon-Canton Railway Clock Tower. Weiß gestrichene Elemente, rollwerkförmige Strebepfeiler, Säulen, Gesimse und ein achteckiger Kuppelturm im Stile des edwardianischen Neoklassizismus.

Wir bummeln durch Tsim Sha Tsui, genießen die Gesichter aus aller Herren Länder, den Trubel, finden einen großartig aussehenden Thai, in dem wir keinen Platz kriegen, entscheiden uns alternativ für einen enttäuschend schlechten Vietnamesen, der auch noch überteuert ist. Von einer Aussichtsplattform betrachten wir den LED-Regenbogen auf dem Wasserspiegel. Beim diesem Anblick sinnieren wir über die Absurdität des chinesischen Wassermangels 2. Dieser Staat lebt vom nie aufhörenden Pump, da kann man seinen Subalternen doch nicht ernsthaft weismachen, sie sollen am Wasser sparen – das würde wohl selbst in den verwässerten WeChat-Geistern einen Funken Widerstand regen.

Zurück im Hotel ziehen wir uns für einen Abend in einem der drei Elektro-Clubs Hongkongs um. Es ist fast Mitternacht. Wir laufen aus dem Gebäude und… legen ein kleines Intermezzo mit einer Dame und Gott ein. Die schätzungsweise Mitte sechzigjährige elegante Dame in Not ruft uns herbei, ihr mit ihren drei mannshohen Koffern behilflich zu sein. Sie gewinnt drei eifrige Pagen, die sie zufälligerweise in einen anderen Flügel ihrer eigenen Residenzanlage eskortieren. In der Eingangshalle halten die jungen Gefährten eine Schar wirklich schmieriger indischer Bedränger ab, die mit Flyern um die Gunst der Wohlbetuchten werben. Wir biegen auf Weisung eines Hilfsbereiten der Schar schnell um die Ecke und betreten aufs Neue eine Heterotopie, die wir spontan auf Mumbai Palace taufen. Vor uns erstreckt sich ein organisches Gassengefüge aus Ständen und selbst errichteten Quadratbauten. Currywürze tränkt die stickige Luft, lautes Gerede, Aufschriften in Sanskrit. Ein selbstverwaltetes Punjabi aus gelbem Reis, drapiert mit Schweinepfote, orientalisch angehauchten Wechselbörsen, Stapelware in Allzweckbüdchen, ausgedehnten Lungerrunden in versifften Hinterausgängen. Doch am erstaunlichsten: die unbegreifbar riesige Anzahl an Gasthäusern scheint fast vollständig in indischer Hand. Wir begleiten die völlig verängstigte Londonerin in den 10. Stock zum Budget Hotel. Lächelnde Turbane empfangen uns freundlichst. Mr Singh wundert sich über die großgeratene Anhängerschaft der Lady und will uns gleich die Familiensuite anbieten. Wir sind unweigerlich an eine chinesische Hotelrezension stark rassistischen Untertons erinnert:

„Übernachten Sie niemals in diesem Hotel. Es wird von zwei Indern geführt. Sie werden versuchen, Sie zu einem Zimmerwechsel zu überreden und verlangen 30 Dollar extra für ein Badezimmer! Wenn Sie nicht einverstanden sind, tauschen sie Ihr Doppelzimmer gegen ein 80 cm breites Einzelbett! Sie werden an Ihre Tür klopfen und Sie und Ihre Familie vor Ihrem Anreisedatum rauswerfen! Sie werden Ihr Zimmer jemand anderem geben, sodass Sie die ganze Nacht auf einem kleinen grauen Sofa im Rezeptionsbereich verbringen müssen, und Ihnen trotzdem über 200 Dollar pro Nacht berechnen! Sie werden Sie zum Auschecken verleiten, indem sie vorgeben, Sie über Ihr Telefon auszuchecken! Nachdem Sie gegangen sind, werden sie Ihre Anfrage in der App entschieden ablehnen und versuchen, alle verbleibenden Zimmergebühren einzubehalten! ……… Merk dir diese Masche. Das sind indische Idioten, die mit den Händen essen! Lasst uns auf sie spucken! Pah p…”

Von der ledernen Pornocouch aus schaut uns ein weiterer Beturbanter etwas zwielichtig an, aber die Atmosphäre wird freundschaftlich, sobald sich Toni neben ihn pflanzt und seine Erkundigungen beginnt. Die Couch unterliegt dem intensiven Blick einer seltsam neuzeitlich anmutenden Ikone. „Who is that guy?” – „Goad”, lautet die wundervoll unnachahmlich akzentuierte Antwort, begleitet von der verwirrten Mimik eines Gläubigen, der sich wundert, wie jemand noch nie das Abbild seines eigenen Erschaffers gesehen haben kann. Wir schmunzeln. Es passiert nicht alle Tage, dass man ins Antlitz eines einem völlig unbekannten Gottes blicken darf. Und noch dazu einem, der ganz nach Religionsstifter und weniger nach transzendentem Wesen aussieht, denn Guru Nanak Dev g – wie uns vorgetippt wird – ist gerade ersterer, Stifter des Sikhismus, und daher eigentlich nur Heiliger im Dienste Gottes. Vom Herren der Wand und seiner Botschaft eines geschlechtslosen Schöpfers sowie seiner ausgeprägten Verachtung für das hinduistische Kastensystem überträgt sich eine interessierte Anziehung auf uns.

Unsere Auftraggeberin ist weniger vom fremdartigen Charme der Unterkunft amüsiert. Ihr Misstrauen in die Vertrauenswürdigkeit der Betreiber verschafft ihr einen Family Room, zu dem wir – wohl aufgrund eines Stromausfalls – durch einen dunklen Flur geführt werden, was ihre Abneigung noch weiter steigert. Das großzügig offerierte Familienzimmer, das etwa 4 m² größer ist als das unsrige, verrät einiges über das Platzmanagement in den anderen 119 Hotels unseres Gebäudes. Wir verabschieden uns, geben zur Sicherheit noch eine E-Mail-Adresse, nehmen widerwillig 30 HK$ Pagengeld an und entschwinden endlich in die Nacht.

Mit der Metro erreichen wir Hongkong Island Central. Das Stadtpanorama ist wieder einmal beeindruckend. Hohe, erloschene Türme, im Würgegriff von Überführungsschlangen, unter denen sich Ratten durch das Bambusskelett der Stadt winden. Wir folgen dumpfen Bassschlägen über einen verlassenen Treppenaufstieg, bis wir ein großes Menschenaufgebot erreichen. Von einem Geländer aus mustern wir die Parade rein und raus laufender, aufreizend angezogener Frauengestalten aller Nationalität, die besoffene pöbelnde Ekelpakete anlocken. Deutsche sind unter ihnen, „SAMUEL!!!” wird gesucht. Das Boma besticht weniger durch gute Musik als durch die Möglichkeit, sehen zu können und gesehen zu werden. Die aufgetakelte Mirage ist uns hier wie auch in Europa zu stumpf und blöde, also verziehen wir uns wieder in die prekären Hintergassen, in denen wir die Techno-Szene vermuten.

In einer baufälligen Siffgasse stolpern wir zuvor aber noch über eine schlichte grüne Metalltüre ohne Aufschrift, in die eine Gruppe unheimlich lässig aussehender Menschen reinschlüpft. Eine ästhetisierte pinke Frauensilhouette als Motiv prangt minimalistisch auf gebundenen Büchern, die als Getränkekarte fungieren, hochkarätige Designer-Ausstattung. Wir werden sofort von einer coolen Gepiercten zu einem Tisch geführt. Bevor wir die Karte aufgeschlagen haben, bekommen wir schon Wasser eingeschenkt und gesalzenes Popcorn serviert. Diese Masche kennen wir aber leider schon von Miss McKinsey – uns drehen die hier keine 20€-Cocktails an. Artsy Hidden-Bar Personal: poshe Schöngeister, die sich Kunst und Hochkultur aneignen, um sie als hübsche Minimal- oder Line-Work-Tattoos zu verwerten. Linksbürgerliche alternative Stilikonen. Wir schleichen heimlich an der Bedienung vorbei hinaus.

Vor dem Socialclub machen wir die erste Bekanntschaft mit der hiesigen Szene. Wir werden euphorisch von einem Typen in schwarzer Baskenmütze und Anzugsveste mit Kettenbehang begrüßt. Die Jungs drücken den toten Joint aus, entschuldigen sich für die Aufregung, man ist ekstatisch. Die 20€ sind hier besser allokiert, dafür ist ein Freigetränk inklusive. Der Trance ist die Mühe und Kosten wert. Hart mit melodischem Zwischenspiel, wir tanzen uns einen ab und sind damit praktisch die einzigen. Die introvertierten Asiaten kommen auf die MDMA-Emotionen und den Acid-Meltdown nicht so ganz klar. Auf den Sofas schlummern paralysierte Druffis. Nach drei Stunden Power und leider keinem DJ-Wechsel treten wir die Odyssee nach Hause an.

Um 3:30 Uhr fährt in Hongkong keine Metro, wir sind daher gezwungen, die Option 40 Minuten Bus, 20 Minuten laufen zu wählen. Die Busfahrt im liebenswürdigen Doppeldecker erweist sich als sehenswerter Einblick in ein weiteres Milieu dieses Vielvölkerstaats: Expat-Kinder. Wir machen die Bekanntschaft von Drake. Nein, nicht dem kanadischen Rapper, R&B-Sänger und Schauspieler, der auch unter seinem Pseudonym Drizzy bekannt ist. Und Bekanntschaft ist auch zu viel gesagt: Der sicherlich Minderjährige hängt völlig unansprechbar hinter uns im Sitz und wird von seiner Freundesgruppe vergeblich angesprochen, aber „no worries, he’s a chill guy”. Etwas zu entspannt ist der Drake, man könnte meinen, er „chillt” im völligen Alkoholkoma. Doch der etwas erfahrenere Kollege hat ein Allzweck-Heilmittel: „Hey Drake… I’m gonna splash some water on your face!” Drake ist nicht aus Zucker, er „schläft” ruhig weiter. Leider müssen wir vor den Party-Dilettanten aussteigen und können den jungen Menschen nur noch ein paar alte Weisheiten aus der eigenen fernen Jugend auf den Weg geben: Der Mann hat eine Alkoholvergiftung, bringt den ins Krankenhaus.

Nieselregen plätschert sanft auf die Überführungen, durch die wir ewig lange über stillen Straßen Kowloons laufen. Die klebrige Kleidung tragen wir stolz als Orden für erfolgreiche Stimmungsmache. Kein Fäkaliengeruch der Welt, keine undichte Klospülung, kein winziges Stahlbett kann uns jetzt noch unseres tiefen Schlummers berauben.

Tag 25

Wir nehmen die Metro und steigen in Mong Kok aus – jenem Stadtviertel, das als das dichteste und intensivste gilt. Mong Kok ist Hongkong in konzentrierter Form: alles Gute und alles Anstrengende dieser Stadt zugleich.

Mehrstöckige Wohn- und Geschäftsgebäude aus den 1950er bis 1980er Jahren reihen sich dicht aneinander, unten Geschäfte und Garküchen, darüber Stockwerk auf Stockwerk kleine Wohnungen mit schmalen Balkonen, Wäsche und Klimaanlagenkästen. Viele Bauten sind schlichte Betonblöcke, funktional, daneben neuere Hochhaustürme, die das Straßenbild überragen. Viele Blocks bieten Durchgänge im Erdgeschoss.

Charakteristisch sind die Kaufhäuser, die sich jeweils auf eine einzige Warenkategorie spezialisieren: Ein Gebäude nur für Aquaristik, ein anderes für Fotografie, daneben mehrere Stockwerke ausschließlich mit Sneaker-Shops oder Handy-Zubehör. Jedes dieser Häuser ist vertikal organisiert – kleine Läden stapeln sich übereinander, verbunden durch enge Rolltreppen, sodass man beim Aufstieg durch die Etagen eine Art Waren-Universum betritt, das einem einzigen Thema geweiht ist. Alles ohne Fenster.

Für das Frühstück folgen wir dem Michelin Guide ins Twins Liang Pi Ltd.. Wir bestellen breite Glasnudeln mit Onsen-Ei, Okra und krossen Bohnen. Doch die Vorfreude schlägt schnell in Enttäuschung um: das gesamte Gericht schwimmt in Sichuanpfeffer, dessen betäubende Schärfe alles dominiert. Für Toni endet das Experiment schon nach einem Bissen. Die Kellnerin, halb fürsorglich, reicht ihm ein tausendjähriges Ei – eine Erfahrung für sich.

Auf der Suche nach einem Café, um unsere Blogs nachzuholen, stoßen wir auf Espressi für 4,50 € – ein Preis, den wir nicht bereit sind zu zahlen. Stattdessen zweiter Frühstück-Versuch für Toni in einem kleinen Diner. David und Rafa begnügen sich mit einem Americano – serviert in den typischen „Black and White“ Hongkonger Keramiktassen, mit „Frisian Dairy Cow“ die mehr Charakter haben als der Kaffee selbst.

Mittlerweile schüttete es. Rafa zieht es noch ins Sim City, ein fünfstöckiges Kaufhaus, das sich ganz dem Handel mit neuen und gebrauchten Kameras, Objektiven und Zubehör verschrieben hat. Die Preise sind hier ungewöhnlich transparent: sie werden über eine Gebotsplattform offengelegt, sodass jeder Kunde genau nachvollziehen kann, wo und zu welchem Preis er welches Stück erwerben kann. Hinter den Glasvitrinen funkeln Schätze der Fotografiegeschichte – restaurierte Leitz- und Leica-Modelle, voll funktionstüchtige Hasselblad 500er daneben das Flaggschiff: die X2D II 100C. Zudem die gesamte Palette japanischer Hersteller. Durch jeden Sucher möchte man zumindest für einen Augenblick sehen. Für Liebhaber ein Paradies, das Herz schlägt hier unweigerlich höher, so dass ein Kauf ein Biss in den Apfel gleicht.

Für Toni, der auf der Suche nach einem „rätekommunisten-würdigen“ Tastenhandy ist, kann aber auch die nebenstehende Phone Mall keine Abhilfe schaffen.

Wir fahren zurück nach Tsim Sha Tsui. Das Hong Kong Museum of Art empfängt uns mit kostenlosem Eintritt. Die aktuelle Ausstellung zu chinesischer Kalligraphie und Zeichnung, Zwischen Amt und Rückzug – Lebenswege und Kunst der Gelehrten in Ming und Qing ist durch gute englische Beschriftungen zugänglicher als ihr Pendant in Shanghai, wirkt aber dennoch fern 3. Einseitigkeit an Motiv-, Perspektiv- und Farbwahl über ein ganzes Jahrtausend ist komisch. Einen willkommenen Kontrast bieten die drei Kranich-Uhr der Ausstellung Perceptual and Intellectual—Explorations into Everything and Oneself. Sie veranschaulicht die Entwicklung von Technologie – von Mechanik und Elektronik über die Digitalisierung bis hin zu KI – und zeigt deren Anwendung in künstlerischen Ausdrucksformen. So entsteht eine sinnliche Schnittstelle von Kunst und Technologie, die spürbar in unsere Gegenwart hineinreicht.

Zum Abendessen landen wir im Fast-Food-Laden Crusta. Die Auswahl wirkt fast grotesk: Man wählt zwischen

Hauptspeisen: – belegten Tortillas – Crustas – Curry

Beilage: – Süßkartoffelpommes – frittierte Kartoffel- und Karottenstiftchen

Salat (serviert in jenen winzigen Bechern, in denen man sonst Dips bekommt): – Coleslaw – Vinaigrette

Dazu gibt es standardmäßig einen Chickenwing und ein Getränk. Für 18 HKD (etwa 2 €) erhält man die doppelte Portion.

Bis auf die Kartoffelstäbchen bleibt das Ganze allerdings kein Erlebnis. Also machen wir uns auf den Weg zurück zur Unterkunft. Vor uns in der Schlange zum Aufzug steht ein Mann mit nahöstlichen Aussehen, der seinen Regenschirm wie einen Stab mit seinen Einkäufen von der Schulter hängen lässt. Als er merkt, dass wir Deutsch sprechen, wendet er sich mit heller Stimme an uns.

Nach kurzem Gespräch sagt er: „Ich war hier, auf den Philippinen und in Bangkok und jetzt wieder hier. Alles in drei Wochen. […] Ich habe nur 800 € gezahlt für alles mit Flug. Phillipien mit den Ladyboys war nicht gut aber Bangkok war super. Für Arschlöcher wie wir … – Wir tauschen einen prüfenden Blick.– Ihr wisst, ihr wollt dort hin, aber da kosten die Flüge sehr viel. Also fliege ich da hin und dann von dort dort hin und dann von dort darüber und dann zurück – und so sieht man alles.“

Wir machen es uns in unseren 8 m² gemütlich, schalten die Klima auf Ice Age und schlummern durch die Nacht.

Tag 26

Die Ruhe vor dem Sturm. Heute erleben wir wohl unseren einzigen und letzten sonnigen Tag in Hongkong. Die Stadt rüstet sich für den stärksten Taifun seit Jahren, der mittlerweile bereits die Straße von Luzon durchquert hat. Wir nutzen das gute Wetter und gönnen uns einen Badetag.

An der Ostseite von Hong Kong Island liegt die Repulse Bay – one of the most expensive residential areas in the world. Horter-Einkäufe in der Repulse Bay Mall lassen die Warteschlangen zwischen Kühlschrankzeilen mäandern. Das Einkaufszentrum wurde auf dem Gelände des alten Hotels errichtet und versucht, mit kolonialen Versatzstücken etwas vom verlorenen Glanz zu imitieren. Das Gebäude darüber hat in der Mitte ein „Dragon Gate“ – eine architektonische Öffnung in Hochhauskomplexen, die den mythischen Drachen den Weg von ihren Wohnsitzen auf den Hügeln hinunter zum Wasser am Tag und wieder zurück in der Nacht freihalten soll. Die Vorstellung von Strömungen – von Drachen, Luft und Energie – ist dabei nur ein kleiner Teil eines viel größeren Phänomens: Feng Shui. „Dismissed by Western skeptics as weirdly new-age, the art of feng shui is serious business in Hong Kong,“ schreibt Megan Belt. „Feng shui, translated as ‘wind and water,’ stems from the ancient art of geomancy, or connecting to the energy of the earth.“ Im Kern beschäftigt sich Feng Shui mit der Beziehung von Gebäuden zur natürlichen Umwelt – zu Bergen, Meer und Himmel. Die richtige Ausrichtung und die bewusste Anlage von Fließwegen gelten als entscheidende Elemente guten urbanen Feng Shui.

Im Schatten der Geigenfeigen lassen wir uns im grobkörnigen Sand des fast leeren Strands nieder. Zwei ältere Damen lassen vor uns ihr Picknick unterm Baum zurück, um am Ufer ein kleines Fotoshooting zu veranstalten. Als sich die erste Taube den plastikverpackten Croissants nähert, ist das spitzbübische Vergnügen am Chaos doch größer als die angestrebte Nächstenliebe – wir lassen die Natur gewähren. Tatsächlich schafft das kluge Tier es, in wenigen Schnabelhieben die Naschware ihres Schutzmantels zu entheben, was augenblicklich eine Kettenreaktion auslöst. In wenigen Minuten hat sich eine Schar Vögel über die französische Köstlichkeit hergemacht, und es beginnt ein wildes Tauziehen. Tauben, Spatzen, orientalische Elsterdrosseln – alle wollen sie ein Stück vom Hörnchen abbekommen und machen sich auch schon über den restlichen Strandproviant der Seniorinnen her, als diese endlich wiederkommen und die Biester verjagen.

Ein gelber Bojenring markiert das Schwimmfeld, davor schwimmen ein paar „Do Not Jump“-Inseln, auf denen David den Köpper übt. Bei einem kleinen Spaziergang entdeckt Rafa am südlichen Ende der Bucht den herrlich bunten, kitschigen Tin-Hau-Tempel. Zwei große Statuen – die Seefahrergöttin Tin Hau und Kwun Yum – thronen dort zwischen unzähligen weiteren Göttern und Buddhafiguren in grellbunter Aufstellung.

Noch spannender erweist sich jedoch die Fundgrube an angeschwemmtem Meeresgut, das sich vor der Promenade sammelt.

Das Strandidyll wirkt unverwüstlich, der Blick auf das aufgetürmte Grün der Inselchen wird nicht alt, und David die Angst vor dem Köpper zu nehmen, ist ein kindisches Vergnügen. Saltos und Sand vom tiefen Grund hochholen – was gibt es Schöneres? Doch die Realität bricht erbarmungslos ein: stöhnende, stinkende Flaggschiffe der chinesischen Touristenbataillone beginnen die Bushaltestelle zu verstopfen. Ein General in Dreiviertelhose und mit krächzender Musikbox führt die erste Welle Besatzer an. Schamlos beginnen er und seine Truppe, mit jeder westlichen Frau im Bikini Fotos zu machen, unterbrochen von affigen Tanzeinlagen. Ein hängebäuchiger Kamerad erdreistet sich sogar, sich mitten zwischen zwei Engländerinnen auf deren Strandtuch zu legen. Diese schaffen es gerade noch, sich vor dem Fotosturm den Brustbereich mit T-Shirts zu bedecken. Nun marschieren sie in Wellen über den Strand, eignen sich die Kulisse für ihre Schnappschüsse an – sichtlich ohne ein Verständnis davon, was ein Strandtag ist. Auch wir werden Opfer eines rohen Fotoanschlags. Trotz 5.000 HKD Strafe für das Rauchen außerhalb vorgesehener Bereiche hinterlassen die Uniformierten überall verbrannte Erde. Auf manch einer Schulter prangt ein gelber Stern auf blutrotem Hintergrund.

Wir nehmen den Bus zurück nach Central, einmal durch den Tunnel quer unter der Insel hindurch, bis wir vor einem Sikh-Tempel am Morrison Hill, direkt gegenüber vom Hongkonger Friedhof, herausgelassen werden. Der Besuch bleibt uns in Badekleidung verwehrt, doch unser eigentliches Ziel liegt ohnehin gleich nebenan: das Michelin-empfohlene Banh Mi Nem. Hier gibt es vietnamesische Baguettes, traditionell gebacken aus einer Mischung aus Weizen- und Reismehl.

Für Toni: 6-hour Braised Pork Belly, Crispy Pork Rinds, Liver Pâté, Mayonnaise, Pickles, Cucumber, Cilantro and Spring Onion

Für David: Braised Fresh Local Tofu, Tofu and Mushroom Pâté, Mayonnaise, Vegan Floss, Pickles, Cucumber, Cilantro and Spring Onion

Für Rafa: Grilled Chicken Thigh, Chicken Floss, Chicken Liver Pâté, Green Onion Oil, Mayonnaise, Pickles, Cucumber, Cilantro and Spring Onion

Wir suchen uns einen kleinen Park oberhalb der Straße. Die ersten Kinder werden gerade von der Schule abgeholt. „Next two days there will be no school,“ sagt man ihnen.

Doch nun zurück zum Sandwich. Das Original mit Schwein ist ein Gedicht: zartes Fleisch, frische Süße, ein unglaubliches Umami. So gut wurde ein Schwein selten zubereitet. Die sonst eher untypische vegetarische Tofu-Alternative ist ebenfalls ein Erfolg – das Tofu hat in der Fritteuse nichts von seiner Saftigkeit verloren, und eine köstliche Umami-Note zieht sich durch die Sauce. Das Hühner-Banh-Mi bleibt hingegen hinter den Erwartungen zurück. Für jeden Bissen mit Huhn gibt es einen ohne, bis am Ende nur noch der Geschmack eines luftigen Sonntagsbrötchens bleibt. Da helfen auch der wunderbar marinierte Rettich und die Karotte nicht mehr viel.

Satt sind wir leider nicht geworden, doch der Stadtteil bietet reichlich kulinarische Versuchungen. Direkt nebenan liegt ein Thai-Restaurant, leider noch geschlossen. Den Resthunger halten wir vorerst aus – schließlich wollen wir den Sonnenuntergang vom Victoria Peak sehen. Theoretisch zumindest. Laut Anzeigetafel soll der Bus in 15 Minuten kommen. Wir vertreiben uns die Zeit mit einem kleinen Gang durch die Markthalle hinter der Haltestelle. Vor allem fangfrischer Fisch und Meeresfrüchte werden hier lebend verkauft, das meiste für umgerechnet 20 €/kg.

18 Minuten später rauscht der völlig überfüllte Bus ohne Halt an uns vorbei. Inzwischen haben wir die umliegenden Blocks schon viermal umrundet. Zwischen Marktständen und Seitengassen stehen hier Rolls-Royce-, Porsche- und McLaren-Showrooms. Schließlich landen wir doch wieder beim Thai. Ein Michelin-empfohlenes Phat Thai muss überzeugen. Das Restaurant ist nett eingerichtet, die Bedienung überaus freundlich – man nimmt uns die Taschen aus der Hand und warnt uns fünfmal davor, uns nicht an einer Kante den Kopf zu stoßen. Das Essen ist fix da und kostet mit 138 HKD bzw. 158 HKD mit Tiger Prawns eine stattliche Summe, die für Hongkong aber üblich ist. Das Pad Thai ist köstlich, alle Geschmäcker fein aufeinander abgestimmt. Toni atmet auf, doch für den ausgewiesenen Pad-Thai-Connaisseur bleibt das geliebte Chang Thai in Köln-Sülz, dem er seit jeher die Treue hält, nach wie vor ungeschlagen. Wir fragen uns also erneut, welche Kriterien den Michelin-Männchen hier wohl vorschweben. Der sündhaft teure Sticky Rice wird zu dritt geteilt und ist wie immer zum Dahinschmelzen, wenn auch schon weniger süß und besser abgeschmeckt erlebt. Das Essen überzeugt dennoch rundum; nur die Bedienung, die uns durchgehend umlauert und zum Bestellen oder Zahlen drängt, verleiht der Erfahrung einen Hauch geschmackloser Abfertigungsmentalität.

Zuerst durch den Tamar Park, eine moderne Grünfläche zwischen Regierungsgebäuden und Hafen. Von dort gelangen wir über geschwungene Überführungen hinunter zur Central and Western Promenade. Das trockene Wetter lockt viele Jogger an, die die Uferpromenade entlanglaufen, begleitet vom leisen Klang der Wellen und dem Brummen der nahen Fähren.

Schließlich erreichen wir den Pier der Star Ferry. Ein kleines, fast verloren wirkendes Riesenrad dreht sich im Hintergrund, während Chines*innen davor posieren, als sei es das Wahrzeichen der Stadt. Wir suchen einen Platz mit guter Sicht sowohl auf die Skyline von Kowloon gegenüber als auch auf die glitzernden Türme Hongkongs hinter uns – bereit für die tägliche Lichtershow um 20 Uhr. Doch das Spektakel unter dem Motto „Disco“ bleibt ernüchternd: Nur ein Teil der Gebäude beteiligt sich, und viele der großen LED-Reklamen zeigen weiterhin nur Werbung. Was als schillerndes Schauspiel angekündigt wird, wirkt am Ende eher wie ein halber Versuch.

Den ganzen Tag über hatten wir vergeblich versucht, die Airline zu erreichen, bis Lukas Irinäus aus Hamburg, im Besitz einer chinesischen Telefonnummer und sämtlicher Screenshots der Buchungsdaten, endlich zur Hotline durchdrang. Mit mulmigem Gefühl und der Hoffnung auf eine bessere Prognose legen wir uns schlafen.

Tag 27

Der Supertaifun Ragasa rast weiter auf uns zu. Die chinesischen Wetterbehörden betiteln ihn als „König der Stürme“. Zur kurzen Erklärung ein Taifun, ist eigentlich das gleiche wie ein Hurricane oder Zyklon. Ein Tropen-Sturm also für dessen Klassifizierung Windgeschwindigkeiten, um das Auge herum, von über 118km/h gemessen werden. Die Namensgebung erfolgt dann rein nach Region des Auftretens. Im Atlantik heißen sie Hurricane, im Indischen Ozean Zyklon und im Pazifik Taifun. Im ozeanischen Teil des Pazifiks wird veraltet auch von einem Willy-Willy gesprochen. Ragasa erreicht 295 km/h Windböen und ist damit der stärkste Sturm des Jahres. Der Flughafen Hong Kong legt vorsorglich seine Dienste für 36 Stunden nieder und auch unser angedachter Abflughafen Shenzhen Bao‘an, etwa 30km weiter entfernt, vertagt Flüge ab Mittwoch Abend.

Heute gilt es, die letzten Erledigungen abzuschließen, bevor die Bahnen ihren Betrieb einstellen – unser Rückflug startet morgen aus Shenzhen und ist noch scheduled. Wir packen die Koffer frühzeitig, um für einen raschen Abschied gewappnet zu sein. Im Aufzug, während wir die vierzehn Stockwerke hinabfahren, fragt uns eine Einheimische in australischem Englisch, wie wir uns auf den herannahenden Taifun vorbereiteten. Morgen sei ihr Geburtstag, erzählt sie. Heute werde in der Stadt bis 14 Uhr gearbeitet, dann greife Warnstufe T8 – und damit der vorzeitige Feierabend. Zumindest habe sie so morgen frei. „Und wenn es allen gut geht, wird es auch ein guter Geburtstag sein“, sagt sie mit einem Lächeln. Wir verabschieden uns herzlich.

Das obligatorische McDonald’s-Frühstück, ziehen weiter am The Peninsula vorbei zum Cultural Center, wo man uns mitteilt, dass für unser abgesagtes oder verlegtes Klavierkonzert noch keine Rückerstattung vorgesehen sei. Danach überqueren wir die Straße, um die K11 Mall von innen zu erkunden. Ein gläserner Kuppel-Eingang führt uns durch die unterirdische Lego City Kinderwelt hinein. Vorbei an Parfümerien und internationalen Luxusmarken stoßen wir auf das LOEWE-Geschäft, dessen Fassade aus marineblauen, hochkant gesetzten Keramikziegeln besteht. Auch der Boden ist kunstvoll gestaltet: glänzende, grauschwarze Steinplatten, in denen sich das Licht der Kuppel bricht. Im zentralen Atrium hängen große gläserne Kugeln unter den Kuppeln wie überdimensionale Seifenblasen. Das luxuriöse Einkaufserlebnis wird durch diese künstlerische Inszenierung nicht geschmälert, sondern eher subtil erhöht.

Damit alles glatt läuft erhöht die Hong Kong Metro ihren Takt. Es stehen nun an jeder Bahn auch mehrere Mitarbeiter bereit. Nach Plan fahren wir zur Sim City. Nur ein Bruchteil der Läden ist geöffnet, doch im richtigen Geschäft findet Rafa die gesuchte Ausrüstung und kehrt mit einem äußerst sehenswerten Deal und breiten Grinsen zurück zum Hostel. Die auf diesem Blog bisher erschienen Fotos wurden von einem APS-C Sensor durch ein 17-70mm f2.8 Standartzoom geschossen. Nun sind auf ein Mal in einem gleichgroßen Gehäuse mit dem Vollformat Sensor der Sony A7CR nur die gewählten Grenzen in einem 50mm f1.4 gesetzt. Das Ganze nur marginal über dem Wiederverkaufswert der bisherigen Ausrüstung.

Ein schnelles Check-out, dann direkt zum Bahnhof. Dort erhalten wir Tickets für einen Zug nach Shenzhenbei in anderthalb Stunden – zuvor noch durch die Immigration. Die chinesische Flagge, die zuvor noch neben der bewusst kleiner gehaltenen Hongkong-Flagge wehte, hat nun ihre volle Größe entfaltet und hängt demonstrativ hinter den Köpfen der Einreisebeamten. Ein neuer Stempel, erneut 30 Tage. 4

Im Wartebereich dann die Nachricht auf der App: flight canceled. Wir kontaktieren Lukas, der es schafft, uns bei der Airline auf einen Flug von Guangzhou umzubuchen.

Als wir schließlich in Shenzhenbei ankommen, sind alle Zugtickets ausverkauft. Schon werden wir von Taxi-Aasgeiern belagert. Bleibt nur der Weg per Didi – eine anderthalbstündige Fahrt bis zum Flughafen von Guangzhou durch eine Stadt ohne Ende, denn für den morgigen Tag sind Züge, Taxis und öffentlicher Verkehr bereits abgesagt. Wir landen im Yingbin International Hotel. An der Rezeption tippt plötzlich jemand Rafa auf die Schulter – unser Fahrer ist zurück. Offenbar hat er noch ein Anliegen: weitere 80 Yuan für die Maut zurück nach Shenzhen. Natürlich, aber bitte mit Rechnung. Diesen Trick kannten wir schon aus Kunming. Nach ein paar Minuten Callcenter-Rauschen, einer resoluten Ansage von Toni und ein paar Zauberworten aus dem Beamtenstaat – „Beleg“, „illegal“, „offizielle Rechnung“ und „Rechtssicherheit “ – löst sich der Mann buchstäblich in Luft auf. Wir dagegen lösen uns in unsere Zimmer auf, stellen das Gepäck in die Ecke, essen nebenan noch ein mittelmäßiges Abendessen – und liegen kurz darauf bereits flach in den Betten. Am späten Abend dann eine Anpassung auf +10.

Tag 28

Ausgeschlafen, mit dem Kokoskaffee aus dem Minimarkt nebenan, schreiben wir fleißig an den Blogs. Letzte Bilder werden hochgeladen. Draußen windet und schüttet es. Nach dem Mittagessen stellen wir fest, dass wir auch hier – über 100 km weit vom Sturm entfernt – die DiDi-App nicht benutzen können. Durch Zufall kommt aber gerade ein Fahrer an unser Hotel gefahren und lässt fünf Frauen aus seinem Denza D9 aussteigen. Ein kurzer Deal lässt uns für 100 Yuan die zehnminütige Fahrt bestreiten.

Der Rückspiegel ist ein Bildschirm. Jeder der Komfort-Business-Sitze ist mit kleinem Computer ausgestattet. Sitzkühlung innerhalb von Sekunden. Davor ein ausfahrbarer Touchscreen, der von der Decke fährt, zwischen den Sitzen ein Gefrierschrank.

Am Terminal 2 angekommen, wird uns gesagt, dass wir nie offiziell umgebucht wurden. Unerhört. Wir werden zu einem Schalter auf der anderen Seite der Halle verwiesen, an dem wir nach einstündigem Anstehen dann von Schnellsttipper höchstpersönlich, ohne viel Reden, die Tickets ausgestellt bekommen. Das Ganze, indem er die sie im Primärcode bucht.

Durch die Security-Checks und dann das nächste Drama: Unser Gate befindet sich im dunklen Keller vor der Immigration, ergo vor der großen Halle mit den Geschäften. Wir werden also die nächsten 5,5 Stunden nur Stuhlreihen und Toiletten für uns haben.

Wir werden von Gitarrenmanufakteuren auf einen Softdrink eingeladen. Nach vier Stunden bekommen wir auch Salted Soda Crackers und Wasser von der Airline. Endlich der Aufruf fürs Boarding.

7000 Schienenkilometer, 76 aufgeforderte Fotos und über einer halbe Millionen Schritte später steigen wir in den Flieger hoch in den dunklen Nachthimmel, zurück nach Hause.

Das Reich der Mitte und wir mittendrin.

Mein kurzes Resume in frischen Erinnerungen: Kameras, Scanner und Wächter – der lange Arm des Kaders – sind nicht der wesentliche Punkt. Was unterscheidet diese Gesellschaft von der unseren? Wenn wir nach der Andersheit fragen, dann setzen wir ein Verhältnis zueinander. Somit bleibt eine positive Bestimmung von ihr verwehrt, und sie ist demnach in der Rationalität zu finden. In der Figuration des Dritten superpositionieren wir unsere Erfahrung in jenen Raum, der Grenzbestimmung ermöglicht, dessen Topologie jedoch indifferent bleibt zum Raum eines chinesischen Urteilenden, der selbst zum Dritten aufsteigt. Mitten im Reich der Mitte kommen Eindrücke, Erfahrungen und Kenntnisse zu einer Perspektive zusammen, die den Blick des Dritten eröffnet. Was wir sahen: Die Balanceakte zwischen Werte- und Interessen, sowie Geben und Nehmen verhindern Ölkleckser auf dem Shan Shui hinter Xi‘s Schreibtisch. Das Amen bleibt den Parteizeitschriften. So sprechen sie: Kritik an der Wirtschaft wird nun strafbar durch das überarbeitete Staatsgeheimnisgesetz. Das an was man festhalten möchte liegt nicht in der Vergangheit, wenn man Supermacht wird. Was der Bedarf über alle früheren Maße hinaustreibt, lässt keine Frucht unberührt, kein Hochlandtal ungestaut und kein Gewässer unbefischt. Es scheint dich zu legitimieren Themenparks aus eroberten Territorien zu gründen. Doch heißt es: ‚Gute Medizin schmeckt bitter.‘ Chin.: 良药苦口利于病. Und wenn Bitterkeit einst als Zeichen der Heilung galt, so ist heute das Gegenteil in aller Munde: Glutamat, der Geschmack der Verstärkung, der Umami-Kick, der Bitteres überdeckt und Gefälligkeit verspricht.


  1. Der Perlfluss (Zhu Jiang), der dem Delta den Namen gab, ist das rund 200 km lange Mündungsdelta der drei Flüsse Nordfluss (Bei Jiang), Westfluss (Xi Jiang) und Ostfluss (Dong Jiang), das sich schließlich zu einer 30 km breiten Meeresbucht weitet. Das umgebende flache Land durchziehen vor allem im westlichen Teil viele Flussarme und zahlreiche Kanäle. Bis in die 1980er-Jahre war die dominante Landnutzung der Reisanbau, doch seit den Wirtschaftsreformen der letzten 40 Jahre wurden die meisten Felder in ausgedehnte Produktionsstätten, Gewerbegebiete und Wohnsiedlungen umgewandelt (Herrle et al. 2014). (China Geographien einer Weltmacht, Sina Hardaker, Peter Dannenberg (Hrsg.)) ↩︎

  2. Wasser: Der Wasserbau hat seine Bedeutung bis heute nicht eingebüßt. In den letzten 50 Jahren wurden rund 250 000 km Dämme und 85 00o Reservoire angelegt, darunter spektakuläre Großprojekte wie der Sanmenxia-Damm am Gelben Fluss und der 2003 fertiggestellte »Drei-Schluchten-Staudamm« am Yangzi, der größte der Welt. Er staut das Wasser des Yangzi auf einer Strecke von 6oo km und soll China jährlich mit über 18 Gigawatt Strom versorgen. Fast ein Fünftel des Energiebedarfs wird in China heute durch Wasserkraft ge-deckt. Doch die jahrtausendealten Probleme sind trotz moderner Technik, trotz Einsatz unermesslicher Arbeitskraft und rücksichtsloser Zwangsumsiedlung von vielen Millionen Menschen nicht gelöst worden. Hunderttausende Chinesen sind im 20. Jahrhundert durch Dammbrüche ums Leben gekommen. Bis heute verheeren jeden Sommer Hochwasser weite Landstriche Südchinas: 1998 starben 4000 Menschen in den Fluten des Yangzi, 2010 beraubte der Fluss wieder Millionen Bauern ihrer Existenz - und was geschieht, wenn der »Drei-Schluchten-Damm« bricht, wagt man sich nicht auszumalen. Zugleich leidet China unter seiner knappen Wasserversorgung - mit jährlich 2300 m3 pro Kopf nur ein Viertel des Weltdurchschnitts - und vor allem unter der ungleichen Verteilung der Vorkommen: im Norden sind es nur 750 m3 pro Kopf. Das Problem wird durch steigenden Wasserverbrauch der Industrie und durch Verschmutzung erheblich verschärft. 2007 meldete die Regierung, dass 30 % der Fischarten im Yangziausgestorben seien; Chemiefabriken leiten tonnenweise Gift in Flüsse, manche sind so stark kontaminiert, dass ihr Wasser nicht einmal für die Industrie nutzbar ist; selbst das Grundwasser sinkt und ist stellenweise nicht trinkbar. Mehr als 300 Millionen Landbewohner haben keinen Zugang zu sauberem Trink-wasser, zwei Drittel der Städte leiden unter Wasserknappheit. Es mutet wie eine Ironie der Geschichte an, dass heute wieder der Kaiserkanal benutzt wird, um die Hauptstadt zu versorgen: nicht mit Getreide, sondern mit Wasser. Zusammen mit einem weiteren Kanal leitet er nach offiziellen Angaben jährlich über 50 Milliarden m3 Wasser vom Yangzi in die Nordchinesische Ebene um. Doch der Klimawandel lässt sogar in Südchina das Wasser knapp werden: 2022 haben anhaltende Dürre und eine Hitzewelle den Wasserpegel des Yangzi um 5-7 m fallen lassen, der riesige Boyang-See ist bis auf ein Drittel seiner Fläche ausgetrocknet. Die Chinesen kämpfen weiter gegen Fluten und Dürren - heute wie vor 3000 Jahren. ↩︎

  3. In der chinesischen Geschichte standen Gelehrte oft an einem Scheideweg: den Weg in eine offizielle Karriere am kaiserlichen Hof einzuschlagen oder sich in die Natur zurückzuziehen und ein Leben in Abgeschiedenheit zu führen. Diese Entscheidung spiegelte nicht nur unterschiedliche Haltungen zu Karriere und Gesellschaft wider, sondern prägte auch die künstlerischen Ausdrucksformen, die in Malerei und Kalligraphie der Ming- und Qing-Dynastie zu einer Blüte gelangten. Die Ausstellung zeigt Werke aus der Xubaizhai-Sammlung und beleuchtet, wie persönliche Lebenswege, politische Umbrüche und gesellschaftliche Erwartungen die Kunst der Literaten formten. Am Hof existierte ein ausgefeiltes System von Hofmalern, das seit der Song-Zeit stetig weiterentwickelt wurde. Maler aus dem Volk, aber auch europäische Missionare fanden hier Aufnahme. Ihre Werke dienten nicht nur der Dokumentation des Hoflebens, sondern auch politischen Zwecken: Sie verherrlichten den Wohlstand des Reiches oder illustrierten klassische Texte. Besonders in der frühen Qing-Zeit erlangten die Gelehrten des Nan Shufang, eines kaiserlichen Studienraums, hohen Einfluss. Sie verbanden politische Klugheit mit literarischem und künstlerischem Schaffen und prägten den höfischen Geschmack nachhaltig. Doch die Umbrüche der Ming-Qing-Transition führten zu einer Krise der Gelehrtenkultur. Viele Literaten suchten nach Wegen, ihr Wissen praktisch in den Dienst der Welt zu stellen, und diskutierten über Staatskunst und Reformen. Gleichzeitig fand in der Kalligraphie ein Umbruch statt: Die sogenannte Stele-Schule brach mit der orthodoxen Tradition und wandte sich Inschriften aus Bronze und Stein zu. Diese Rückkehr zu archaischen Formen war auch ein symbolischer Akt der Abkehr von starrer Hofkultur. Andere Gelehrte entschieden sich bewusst für den Rückzug. Inspiriert von den Vorbildern der Wei- und Jin-Zeit suchten sie in der Natur Zuflucht, pflegten einen einfachen Lebensstil und schufen Malereien, die Paradiese des Rückzugs oder idyllische Landschaften darstellten. Besonders die Wu-Schule in Suzhou gilt als ein Zentrum dieser Rückzugsästhetik, die zwischen Sehnsucht, Selbstkultivierung und leiser Kritik an der Gegenwart schwankte. Die Frage nach Loyalität und Verrat beschäftigte viele Literaten in Zeiten des Umbruchs. Während manche als „zweimal dienende Beamte“ dem neuen Regime dienten und dafür scharfe Kritik ernteten, entschieden sich andere für den Weg des Widerstands. Diese „Ming-Loyalisten“ lehnten es ab, den neuen Herrschern zu dienen – sei es, indem sie ins Exil gingen, sich zurückzogen oder ihren Protest in Kunst und Literatur ausdrückten. Ihre Werke sind oft geprägt von Nostalgie und Schmerz über das verlorene Reich. Eine besondere Rolle nahmen die sogenannten „Vier Mönche der frühen Qing“ ein: Hongren, Kuncan, Zhu Da und Shitao. Viele Gelehrte schlossen sich damals aus Überzeugung oder Selbstschutz dem Buddhismus an. Ihre Kunst verband Zen-Motive mit individuellen, radikal neuen Ausdrucksformen. Mit kargen Landschaften, einsamen Vögeln oder Fischen entwickelten sie einen Stil, der zugleich die Weltabgewandtheit der Mönche und eine stille Rebellion gegen die orthodoxe Hofkunst verkörperte. Ihre Werke wurden prägend für nachfolgende Generationen und markieren einen Wendepunkt in der chinesischen Kunstgeschichte. ↩︎

  4. Hongkong wurde bereits 1841 von Großbritannien vereinnahmt. Im darauffolgenden Jahr, also am Ende des Ersten Opiumkriegs (1839–1842) wurde Hongkong dann auch formell von China abgetreten. Hinzu kamen danach noch zwei weitere Gebiete: die Halbinsel Kowloon 1860 am Ende des Zweiten Opiumkriegs und die New Territories 1898 mittels eines 99-jährigen Pachtvertrags. Gemäß der auslaufenden Pacht und einem am 19. Dezember 1984 von China und dem Vereinigten Königreich unterzeichneten Abkommen wurde Hongkong am 1. Juli 1997 zur Sonderverwaltungszone der Volksrepublik China (HKSAR). In diesem Abkommen versprach Beijing, dass Hongkong gemäß der Formel „ein Land, zwei Systeme“ weder dem wirtschaftlichen noch politischem System Chinas folgen müsse, sondern – zumindest für 50 Jahre – in allen Angelegenheiten mit Ausnahme von Außen- und Verteidigungsangelegenheiten ein „hohes Maß an Autonomie“ genießen würde (Carrico 2022; Chen 2021). Zumindest seinen Erfolg als internationaler Finanzplatz konnte Hongkong nach 1997 fortsetzen, wenn auch andere chinesische Städte wie Shanghai und Shenzhen zunehmend Konkurrenten wurden. Zunehmend zeigte sich jedoch, dass die versprochenen Autonomie-Zusagen der chinesischen Regierung zumindest aus Perspektive weiter Teile der Hongkonger Bevölkerung nicht eingehalten wurden. Hierbei kam es zu einer Reihe von Schlüsselereignissen: Zuerst im Juli 2003, als einen Tag nach dem Besuch des chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao eine halbe Million Menschen gegen den Artikel 23, das chinesische Sicherheitsgesetz für Hongkong - also ein neues Anti-Subversionsgesetz - demonstrierten. Zwei Mitglieder der Hongkonger Regierung traten zurück, aufgrund des öffentlichen Drucks, und das Gesetz wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Im Jahr 2004 beschloss die VR China darauffolgend, dass jede Änderung der Wahlgesetze Hongkongs von ihr genehmigt werden muss, was Beijing das Recht gab, ein Veto gegen alle Schritte in Richtung mehr Demokratie einzulegen, wie z. B. Direktwahlen für den Chief Executive (Regierungschefin) des Gebiets. Im Jahr 2014 nahmen Zehntausende von Demonstrantinnen an der nach Angaben der Organisatorinnen größten pro-demokratischen Kundgebung in Hongkong seit einem Jahrzehnt teil. Kurz darauf schloss die chinesische Regierung eine normale demokratische Wahl des Chief Executives von Hongkong für 2017 aus und erklärte, dass nur von Beijing genehmigte Kandidatinnen an der Wahl teilnehmen dürfen. Eine weit verbreitete Unzufriedenheit mit der Regierung Hongkongs und dem wachsenden politischen Einfluss Beijings führten im Jahr 2019 zu weiteren erheblichen Unruhen, nachdem die Regierung Hongkong das Auslieferungsgesetz ändern wollte. Nach massiven Demonstrationen ergriff die Regierung Chinas Maßnahmen, die die Autonomie der Stadt stark einschränkten und umfangreiche Beschränkungen der Rechte der Einwohnerinnen Hongkongs mit sich brachten. Dies wurde auf internationaler Ebene als direkter Verstoß gegen die Verpflichtungen aus dem Hongkonger Grundgesetz und der Gemeinsamen Chinesisch-Britischen Erklärung kritisiert (Lim 2022). An erster Stelle dieser Maßnahmen stand ein umfassendes Gesetz zur nationalen Sicherheit für Hongkong, das die chinesische Regierung im Juni 2020 erließ und welches „Abspaltung, Subversion, Terrorismus und geheime Absprachen mit ausländischen oder externen Kräften“ unter Strafe stellte (Hong Kong National Security Law). Das Gesetz führte zu einer weitreichenden Unterdrückung von öffentlichen Protesten, Kritik an den Behörden und Meinungsfreiheit und wurde von den Behörden genutzt, um gegen pro-demokratische Aktivistinnen, Organisationen und Medienunternehmen vorzugehen (Datt 2022, Chopra 2022). Es folgte eine Verhaftungswelle und Fluchtwelle. Dutzende zivilgesellschaftlicher Gruppen und mehrere unabhängige Medien wurden geschlossen oder haben sich aufgelöst – beispielsweise die Apple Daily, deren Herausgeber Jimmy Lai seitdem zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Im März 2021 führte die Zentralregierung in Beijing ein restriktives Wahlsystem ein, welches nur von der Beijinger Regierung zugelassene Kandidatinnen zur Wahl zulässt, „um sicherzustellen, dass Hongkong von ‚Patriotinnen‘ regiert wird“. De facto wurden damit Beijing-kritische Parteien von jeglicher politischen Partizipation ausgeschlossen (Lau und Yam 2022). Hongkong ist heute eine eingeschränkte Präsidial-demokratie als Sonderverwaltungsregion der VR China. Nach mehreren Diskussionen und Entwürfen wurde das jetzt gültige Grundgesetz der Sonderverwaltungszone Hongkong der Volksrepublik China, welches als Verfassung dient, im März 1990 verabschiedet und trat am 1. Juli 1997 in Kraft. Insbesondere das seit 30. Juni 2020 wirksame Gesetz zur nationalen Sicherheit in der Sonderverwaltungszone Hongkong beleuchtet die Probleme der Chinesisch-Britischen Gemeinsamen Erklärung von 1984 und somit auch das inhärente Problem des „Ein Land, zwei Systeme“-Prinzips (Moritz 2020). Mit der Verabschiedung des Gesetzes wurden individuelle Freiheitsrechte eingeschränkt und sozialistische Rechtsvorstellungen in Hongkong durchgesetzt. […] Das im Sommer 2020 in Kraft getretene Gesetz zur nationalen Sicherheit sieht unter anderem vier besondere Straftatbestände vor: Sezession, Subversion, Terrorismus und geheime Absprachen mit ausländischen Organisationen; jede offene Rede, verbale Förderung oder Absicht der Abspaltung Hongkongs von China wird als Straftat betrachtet. Anders als allgemein behauptet, äußern sich die Auswirkungen der neuen Gesetzgebung nicht so sehr im Katalog der strafbaren Handlungen, sondern vor allem in wichtigen institutionellen Veränderungen und in der Ausweitung des Ermessensspielraums der Sicherheitsorgane und Strafverfolgungsdienste. Hierbei ist zunächst die Einrichtung eines zentralen Regierungsbüros zu nennen, das für den Schutz der nationalen Sicherheit in Hongkong zuständig ist und sich mit besonders komplexen Fällen befassen soll, „die eine ernsthafte Bedrohung für die Sicherheit der VR China darstellen" (National Security Law of Hong Kong). Das Büro wird direkt von Beijing kontrolliert und koordiniert die Arbeit einer großen Anzahl von Beamtinnen und Agentinnen. Diese waren bereits im Ministerium für öffentliche Sicherheit und im Ministerium für Staatssicherheit der VR China tätig; unter anderem für den „politischen Schutz" des Parteienstaates (d. h. vor subversiven Elementen, Dissidentinnen oder Terroristinnen) und Spionageabwehr. Die Zentralbehörden dürfen entscheiden, wie einzelne Fälle behandelt werden: vor den Gerichten in Hongkong entweder nach dem allgemeinen Recht oder nach den neuen Rechtsvorschriften zur nationalen Sicherheit. Ebenfalls können einzelne Fälle direkt an die Rechtsprechung der Gerichte im chinesischen Festland verwiesen werden. Da nun auch Straftatbestände wie „Staatsgeheimnis" und „Konspiration/Kollusion mit einem ausländischen Staat oder externen Elementen" (Art. 29 und 30 des Gesetzes) flexibel interpretiert werden, führt dies zu einer strukturellen Umgestaltung des Hongkonger Rechtssystems. Die gravierenden Auswirkungen auf Meinungsäußerung und der Beteiligung der Hongkonger Zivilgesellschaft sind nicht zu übersehen. Selbst die gemäß der gemeinsamen chinesisch-britischen Erklärung von 1984 vom früheren Kolonialregime garantierten Rechte und Freiheiten, einschließlich des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte, sind nun gefährdet. (China Geographien einer Weltmacht, Sina Hardaker, Peter Dannenberg (Hrsg.)) ↩︎